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DiSORDERUNIVERSE

Brügge sehen… und staunen!

BRÜGGE SEHEN... UND STAUNEN!

Brügge (Belgien)
51° 13′ N, 3° 13′ O • 2 m üNN • UTC+2
118.325 Einwohner • 138,4 km² • 855 Einw./km²
www.brugge.be
26.12. – 29.12.2019

Die traurige Klaviermelodie

Es gibt da diesen einen Film. Der mit der taurigen Klaviermusik als Titelmelodie, mit Colin Farrell und Brendan Gleeson in den Hauptrollen. Ein melancholisches Krimi-Drama um einen Profi-Killer, der gleich seinen ersten Job versaut und ein unbeteiligtes Kind tötet. Der junge Ray verzweifelt an seinem Fehler und weil die englische Heimat so kurz nach dem Unglück ein zu unsicheres Pflaster ist, wird er zusammen mit seinem erfahrenen Kollegen Ken von seinem Auftraggeber nach Brügge geschickt. Ray gefällt es in der Stadt überhaupt nicht – zumindest bis er die aufregende Chloë kennenlernt, eine Schauspielerin, die in der belgischen Stadt gerade einen Film dreht. Über diverse Irrungen und Wirrungen mit viel Melancholie, aber auch Witz, kommt es am Ende noch zu Blutvergießen – wenn auch mit Sicherheit nicht ganz in der Form, wie man es als Zuschauer vielleicht erwarten konnte. »Brügge sehen… und sterben?« ist ein großartiger Film, der in seiner Melancholie und Ironie im Grunde nur in dieser Stadt spielen kann.

Eine Stadt als Filmkulisse

Wer sich durch Brügge bewegt, wird das Gefühl nicht los, sich in einer Filmkulisse zu bewegen. So schöne Städte gibt es doch heutzutage gar nicht mehr. Enge Gassen, viel Wasser, Kirchen, Schlösser und Museen an jeder Straßenecke, unzählige urige Restaurants und Cafés und die Läden, in denen man die berühmte belgische Schokolade kaufen kann, gibt es auch zur Genüge. An manchen Ecken mag das fast schon zu touristisch überlaufen daher kommen, doch wer eben jene Geschäfte ausblendet, bekommt ein Stadtbild geboten, dass in Europa mit Sicherheit seinesgleichen sucht. Wenn es in Brügge dämmert, möchte man fast damit rechnen, dass der städtische Nachtwächter um die nächste Ecke kommt und die Laternen mit seiner Flamme noch händisch zum Leuchten bringt.

Gepartk wird am Hauptbahnhof

Wer Brügge erleben will, sollte entweder gleich mit der Bahn kommen oder sein Auto in dem riesigen Parkhaus direkt am Hauptbahnhof abstellen. Im Gegensatz zu manch anderen europäischen Städten ist das Parken hier mehr als erschwinglich. Als wir 2019 nach den Weihnachtsfeiertagen unser Auto in dem Parkhaus abgestellt haben, haben wir als Tageshöchstsatz 3,50 Euro bezahlt. Zum 1.1.2020 ist dieser All-Inclusive-Satz auf 5,50 Euro gestiegen. Das ist zwar eine Erhöhung um fast 60 Prozent, aber letztlich noch immer mehr als erschwinglich. Ein guter Weg, die Innenstadt möglichst autofrei zu halten. Denn abgesehen davon, dass man durch viele der engen Gassen mit dem Auto sowieso nicht durchkommt, sind Parkplätze in der historischen Altstadt natürlich Mangelware.

Belgische Waffel mit Allem

Unbedingt zu empfehlen ist in Brügge natürlich der Nachmittagscafé – und dazu eine herrliche belgische Waffel. Diese kann man sich mit Eis oder Sahne servieren lassen, aber auch mit Früchten, Nutella oder eher einfach mit Zucker und Zimt. Oder man nimmt von allem etwas – sollte sich dann aber bewusst sein, dass man dann im Grunde kein Abendessen mehr braucht. Und das wäre schon allein deshalb ja schade, weil es neben den belgischen Waffeln ja auch die guten alten belgischen Pommes Frites gibt. Im Englischen heißen die Dinger zwar »French Fries«, doch warum das so ist, weiß im Grunde niemand. Denn wer hat’s erfunden? Ausnahmsweise mal nicht die Schweizer, sondern die Belgier. Geographie war ja aber noch nie die Stärke der Amis und so war der Ausdruck »French Fries« wahrscheinlich vor allem einfacher auszusprechen als »Belgian Fries«. Whatever….

Der Geschmack entscheidet

Mir persönlich sind die belgischen Fritten meist etwas zu dick – und dadurch im Inneren zu mehlig. Wirklich gute Pommes hatten wir allerdings auf unserem Rückweg, als wir am Atomium in Brüssel gehalten haben. Die Dinger waren zwar auch etwas dicker als man es in Deutschland gemeinhin gewohnt ist, aber wurden dafür offensichtlich in derart heißem Fett gebadet, dass sie schon fast als reine Kartoffelchips in Stäbchenform durchgingen. Unter dem Strich ist es wahrscheinlich wie bei allem: Der eigene Geschmack entscheidet und belgische Pommes Frites schmecken wie überall auf der Welt an jeder Straßenecke anders. Das gilt übrigens auch für das belgische Bier. Es gibt unzählige Sorten – von pfui deibel bis lecker. Am Ende entscheidet auch hier der persönliche Geschmack. Mir hat das örtliche Bier »Brugse Zot« gut geschmeckt.

Oostende ist kein Fischerdorf

Plant man eine Reise nach Brügge, liegt es natürlich nah, auch einen Abstecher ans Meer zu machen. Die südliche Nordsee ist vom Stadtzentrum nur etwa 20 Kilometer entfernt. Der Übergang von Brügge nach Zeebrügge ist fließend. Und auch Oostende, das bekannteste belgische Seebad ist nur etwa 30 Kilometer von Brügge entfernt. Wer in Belgien am Wasser jedoch niedliche kleine Fischerdörfer erwartet, wie man sie vielleicht vom etwas nördlicher gelegenen IJsselmeer kennt, wird herbe enttäuscht. Die belgische Küste besteht zwar aus kilometerlangen Sandstränden, an den man auch im Winter bestens spazieren oder gar wandern kann, doch direkt hinter den Stränden ziehen sich ebenso kilometerlang Beton-Bettenburg an Beton-Bettenburg. Häßliche Klötze, die  zum größten Teil ihre beste Zeit schon hinter sich haben und zudem fast alle in der Standardfarbe Belgisch-Sandbeige gehalten sind.

Rüber über die Grenze nach Frankreich

Es bleibt einem also fast nichts als die Küstenstraße Richtung Süden. Entlang an den Klötzen und den vielen Geschäften – im Sommer stelle ich mir das mit all den Sonnenhungrigen fast unerträglich vor. Viel Spaß, wer darauf steht! Wir sind lieber weiter und haben erst in Frankreich wieder Stopp gemacht. Dünkirchen war im Zweiten Weltkrieg Schauplatz der Allierten-Normandie-Invasion. Hier fand der Anfang vom Ende des Nazi-Regimes statt – ein guter Ort also. Der US-Regisseur Christopher Nolan setzte der Kleinstadt 2017 mit seinem gleichnamigen Meisterwerk ein filmisches Denkmal. Wirklich sehenswert ist Dünkirchen ansonsten eher nicht. Rund ums Rathaus gibt es einen kleinen historischen Stadtkern und denkt man an die Geschichte der Stadt ist es ja eigentlich ein Wunder, dass es diesen noch gibt. Im Rathaus gab es am Tag unseres Besuchs noch eine kostenlose Weihnachtsausstellung, in die wir zufällig gestolpert sind. Liebevoll gemacht, aber im Großen und Ganzen für Erwachsene eher sinnfrei. Leuchtende Kinderaugen waren jedoch garantiert und das reicht ja mehr als aus.

Ein Stopp in Brüssel am Atomium

Nachdem wir am letzten Tag dann noch einmal in Brügge gefrühstückt hatten, gab es auf der Rückfahrt noch einen Stopp in Brüssel. Das Atomium liegt quasi direkt an der Autobahn, die sich um die belgische Hauptstadt herumschlängelt. Einmal die Ausfahrt raus, drei Querstraßen weiter et voilà. Rund um das Denkmal der Weltausstellung von 1958 gibt es zwar nicht wirklich viel zu entdecken, aber die neun Silberkugeln sind als solches schon einen Besuch wert. Vor allem, wenn man bedenkt, dass dieses seltsame Konstrukt inzwischen mehr als 60 Jahre alt ist. Das Anstehen lohnt sich also und wer seine Tickets online bucht, muss am Ende auch nur in einer Schlange anstehen. Ach ja, und was die Pommes direkt am Atomium angeht, habe ich mich ja weiter oben bereits ausführlich positiv ausgelassen.

Das Hotel am Rande der Stadt

Brügge lohnt sich – defintiv. Muss man gesehen haben. Empfohlen sei hier übrigens das Green Park Hotel. Das liegt zwar am Stadtrand von Brügge, ist preislich jedoch noch übersichtlich und hat vor allem einen Parkplatz. Viele Hotels in der Innenstadt bieten diesen nicht. Man muss also auch hier auf das Parkhaus am Bahnhof zurückgreifen – was zwar bei 5,50 Euro für 24 Stunden nicht einmal wirklich ins Geld geht. Umständlich wird es nur mit dem Gepäck, denn nicht wenige Hotels direkt in der Innenstadt sind entweder mit dem Auto gar nicht zu erreichen oder lassen selbst einen Platz zum Halten und Ausladen schmerzlich vermissen. Auch Brüssel und das Atomium lohnt sich – mehr als einen halben Tag braucht mann hier allerdings nicht einzuplanen. Die Küste kann man sich in Belgien schenken, wenn man nicht gerade auf lange Stranspaziergänge steht oder im Sommer einfach nur in der Sonne brutzeln möchte. Eine Alternative beim Besuch im nördlichen Belgien könnte daher noch ein Abstecher nach Antwerpen sein. Die Diamantenstadt liegt nicht direkt auf dem Weg zwischen Brügge und Brüssel, doch in einem Land, in dem die maximale Entfernung von Grenze zu Grenze 330 Kilometer beträgt, fällt das nicht wirklich ins Gewicht.

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