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Ein Wochenende im Harz

EIN WOCHENENDE IM HARZ

EIN WOCHENENDE IM HARZ

Quedlinburg (Deutschland)
51° 48′ N, 11° 9′ O • 123 m üNN • UTC+2
23.989 Einwohner • 120,44 km² • 199 Einw./km²
www.quedlinburg.de
22.11. – 24.11.2019

Eigentlich ganz nah

Nur etwas mehr als 200 Kilometer von Berlin entfernt, mitten im Dreieck zwischen Magdeburg, Göttingen und Leipzig, befindet man sich nicht nur ganz nah an der ehemaligen innerdeutschen Grenze, sondern auch mitten im Harz. Die höchste Erhebung dieses nördlichsten aller deutschen Mittelgebirge ist der Brocken, der an seiner höchsten Stelle immerhin 1.142 Meter über den Meeresspiegel ragt. Den Gipfel des Berges, auf dem der Legende nach die Hexen jedes Jahr am 30. April die Walpurgisnacht feiern, erreicht man auch heute noch nur zu Fuß oder mit der – von einer Unterbrechung zu Zeiten der deutschen Teilung abgesehen – bereits seit 1899 fahrenden Schmalspur-Brockenbahn. In der angesprochenen Walpurgisnacht ist der Brocken auch ein Handlungsschauplatz im wohl berühmtesten Theaterstück der deutschen Literaturgeschichte: In Johann Wolfang von Goethes »Faust« lockt Mephisto den Protagonisten zum Hexentanz auf den Berg.  

Rund um den Brocken

Am Fuße des Brocken liegt die Stadt Wenigerode, deren Stadtteil Hasserode vor allem durch die dort ansässige Bierbrauerei weit über die eigenen Stadtgrenzen bekannt ist. Sehenswert ist in Wenigerode vor allem der Kern der Altstadt rund um den Rathausplatz und die St. Sylvestri-Kirche. Einen einmaligen Einblick ist das Leben hoher deutscher Adelsgeschlechter bietet das Schloss Wenigerode. In fast 50 Räumen zeigt das zum Museum umgebaute Schloss original eingerichtete Wohnräume des deutschen Adels vor 1918, sowie thematische Räume zur Geschichte der Familie Stolberg-Wernigerode und zum zweiten deutschen Kaiserreich. Der Eintritt von sieben Euro lohnt sich hier auf jeden Fall – allein schon, weil der sonst nicht zugängliche Innenhof des Schlosses sehenswert ist.

Weltkulturerbe Quedlinburg

Mein  Lager hatte ich während meines Wochenendtrips Ende November jedoch nicht am Fuße des Brockens aufgeschlagen, sondern im etwa 30 Kilometer entfernte Quedlinburg. Die Altstadt der über tausendjährigen Stadt ist Weltkultuerbe der UNESCO und mit über 90 Hektar eins der größten Flächendenkmäler Deutschlands.  Wer nach Quedlingburg kommt, hat daher nicht umsonst ein wenig das Gefühl, in eine Märchenwelt einzutauchen. Über 800 Häuser im Stadtkern der 23.000-Einwohner-Gemeinde sind als Einzeldenkmäler ausgewiesen und lebendige Zeugen längst vergangener Epochen. Insgesamt zählt die Stadt am nordöstlichen Rand des Harz rund 1.300 Bauten der Romantik, Fachwerkhäuser und Villen der Gründerzeit und des Jugendstils. Die UNESCO lobte Quedlinburg als »architektonisches Meisterwerk der Romantik«. In der Stiftskirche St. Servatii wurde der Sage nach Heinrich, dem I.,  die Königswürde als erstem König des heiligen römischen Reiches Deutscher Nation verliehen. Ein Besuch des Viertels rund um die Kirche im Südwesten der Stadt lohnt auch wegen der vielen engen, gut erhaltenen Gassen durch dicht beieinander stehende Fachwerkhäuser.

Eine Zeitreise im Geiste

Ein Spaziergang durch Quedlinburg kann mit ein wenig Phantasie gut zu einer Zeitreise werden. Denkt man sich die Autos weg und die Passanten in andere Gewänder, man braucht nicht viel, um sich vorstellen zu können, wie die Menschen vor einhundert oder zweihundert Jahren durch die engen Gassen der Stadt gelaufen sind. Entsprechend der einmaligen Kulisse, die sich in Studios sicher nur schwer nachbauen lässt, war Quedlinburg vor allem nach dem Mauerfall bereits mehrfach Drehort größerer Film- und Fernsehproduktionen. So entstand z.B. die Verfilmung des Weltbestsellers »Der Medicus« von Noah Gordon unter der Regie von Philipp Stölzl in Quedlinburg.

Eine Hotelempfehlung

Empfohlen sei an dieser Stelle übrigens zur Übernachtung noch das Hotel am Dippeplatz. Direkt am nördlichen Ende der Altstadt, alles ist zu Fuß mehr als gut erreichbar. Der Rathausplatz ist mal gerade 300 Meter entfernt. Das Hotel hat jedoch einen eigenen, mehr als ausreichend großen Parkplatz, sodass auch eine Anreise mit dem Auto keinerlei Problem darstellt. Für die  Ausflüge in die Stadt empfielt es sich dann, den Pkw stehen zu lassen und wenn man in die Umgebung will, steht der fahrbare Untersatz bereit. Das Hotel wird von Inhaberin noch selbst betrieben und die Dame schreibt einem sogar zwei Tage vor Ankunft noch eine E-Mail, in der sie die – etwas komoplizierte – Anfahrt zum Parkplatz genau beschreibt. Das nenne ich echten Kundenservice. Das Frühstick im Hotel am Dippeplatz ist auch mehr als üppig und findet in einem offenen Raum auf einer Empore statt, von der man sowohl nach draußen als auch runter zur Rezeption sehen kann. Die einzelnen Zimmer sind mehr als geräumig und bestehen fast schon wie Suiten aus mehreren Räumen. Manch einer hat in Berlin eine kleinere Ein-Zimmer-Wohnung – da bin ich mir sicher. Erreicht werden die Zimmer über eine knartschende Holztreppe über ein uriges Treppenhaus, in dem die Holzbalken des Fachwerks bestens zu sehen sind. Einzig: Behindertengerecht ist das Ganze natürlich nicht, denn bis in die Stockwerke sind so manche Stufen zu erklimmen. Ebenfalls ein kleines Ausrufezeichen – besonders für Nachtschwärmer: Das WLAN im Hotel wird um Mitternacht abgeschaltet. Wer also dringend noch mit New York konmferieren muss, sollte dies vor den Glockenschlägen tun. Der positive Effekt an der WLAN-Nachruhe: Das Hotel ist garantiert hipsterfrei.

An einem ganz normalen Wochenende machbar

Quedlinburg und Wenigerode sind an einem Wochenende bestens zu machen. Sprich: Freitag nach Feierabend in Berlin los. Zum Abendessen ist man rechtzeitig vor Ort. Samstag  läuft man dann durch Quedlinburg und hat am Ende des Tages jede Gasse gesehen. Sonntag geht es nach dem Frühstück und dem Checkout im Hotel mit dem Auto gemütlich nach Wenigerode. Für die Stadt und das Schloss braucht man nicht ganz einen Tag, sodass man sich für die Rückfahrt noch etwas Zeit lassen kann. Hier empfehle ich einen kleinen Umweg über Schierke und Elend (das Dorf heißt wirklich so). Wer die – wie ich finde – sehr überteuerte Fahrkarte auf den Brocken dann noch lösen möchte, kann dies in Schierke tun. Hier ist die Fahrt hoch auf den Berg am kürzestesten. Da man ja vor allem wegen der Aussicht auf einen Berg fährt, lohnt sich dieses Unterfangen natürlich vor allem bei gutem Wetter. Die Sicht vom Brocken kann bei schönstem Sonnenschein über 200 Kilometer betragen. Ist man – wie ich – an einem Wochenende Ende November im Harz unterwegs, beträgt die Sichtweite aber auch gerne mal etwas unter 50 Meter.

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