TV-Serien

Tief im Sündenpfuhl

»Babylon Berlin« hebt das Niveau deutscher TV-Produktionen auf ein neues Level

Jede Folge teurer als ein Tatort

TV-Serien haben auch hierzulande seit Jahren Hochkonjunktur und so wundert es wenig, dass nun auch deutsche Fernseh-Produzenten so langsam auf den Trichter kommen, in dem Boom-Markt mitzumischen. Mit »Babylon Berlin« feierte nun die teuerste deutsche TV-Produktion aller Zeiten ihre Premiere. Insgesamt 16 Folgen in zwei Staffeln umfasst die Serie, die pro einzelner Folge rund 2,5 Millionen Euro verschlungen hat – und das bei knapp 45 Minuten Laufzeit. Zum Vergleich: Für einen 90-minütigen Tatort machen die Produzenten meist um die eineinhalb Millionen Euro locker. Mit Gesamtkosten von rund 40 Millionen Euro ist die von X-Filme Creative Pool, Sky Deutschland, Beta Film und ARD-Tochter Degeto Film produzierte Serie damit sogar die teuerste nicht-englischsprachige TV-Produktion aller Zeiten.

Großes Kino

Wer die ersten Bilder von »Babylon Berlin« sieht, weiß sofort, wo das viele Geld geblieben ist. Nicht nur, dass man für das Set mal eben ein komplettes Berlin der späten 1920er Jahre bis ins Detail nachgebaut hat. Auch die Schauspieler vor der Kamera sind eine Art »Who Is Who« der nationalen Oberklasse.

Von Erpressung über Prostitution bis Mord

Erzählt wird die Geschichte des mit einem Kriegstrauma kämpfenden Polizei-Kommisars Gereon Rath (Volker Bruch), der im Zuge von Ermittlungen in einem Erpressungsfall vorübergehend nach Berlin versetzt wird. Eine entscheidende Spur scheint in die Hauptstadt zu führen. Selbstredend ist die Erpressung nur die Spitze eines Eisberges, der weit größere Schiffe als die Titanic in die Tiefen des Meeres gerissen hätte. Schließlich hat der Tanz auf dem Vulkan in einem Berlin der Zwischenkriegsjahre inzwischen seinen Siedepunkt erreicht.

Politische Kräfte bringen sich wieder in Stellung

Und während das Partyvolk die Nächte durchfeiert, bringen sich die politischen Richtungen nach Jahren des Stillhaltens im Nachhall des Ersten Weltkrieges langsam wieder in Stellung. Die Weimarer Republik ist bereits auf dem besten Weg, sich selbst abzuschaffen, weil sie den politischen Extremen nicht mehr Herr wird. Parallelitäten zu heutigen Zeiten fallen ins Auge. Sollten wir jedoch aufgrund unseres Wissens um die Geschichte nicht inzwischen dazu gelernt haben?

Politische Hintergründe treten in den Vordergrund

In der Geschichte drängen sich diese politischen Hintergründe erst nach und nach – dafür jedoch unaufhaltsam – in den Vordergrund. Was als Kriminalfall beginnt, wird spätestens Mitte der zweiten Staffel zu einem Politthriller – nicht immer historisch fundiert, dafür mit guten Einfällen, wie es eben durchaus hätte sein können.

Nur wenige Kritikpunkte

Das unter der Regie von Tom Tykwer, Achim von Borries und Hendrik Handloegten entstandene 20er-Jahre-Epos, zu dem die Regisseure auch das Drehbuch schrieben, das auf einer Romanreihe von Erfolgsautor Volker Kutscher basiert, hält dabei nicht immer stilsicher die Balance um den eigenen Anspruch. In manchen Szenen wollen die Macher schlicht zu viel und setzen auf das falsche Pferd. Statt der eigenen – wohlgemerkt sehr guten – Geschichte zu vertrauen, baut man Action-Sequenzen ein, die selbst unter gutmütiger Betrachtung der stilistisch gewollten Übertreibung leider zu billig zu wirken und bestenfalls als Slapstick durchgehen.

Hervorragende Darsteller

Bleiben diese seltsam aus dem Rahmen gefallenen Szenen jedoch der einzige Kritikpunkt, tut dies dem Gesamteindruck der insgesamt rund sechs Stunden nur wenig Abbruch. Babylon Berlin ist beste filmische Unterhaltung auf internationalem Niveau und entführt in eine spannende Zeit in einer spannenden Stadt. Volker Bruch als Gereon Rath weiß als vom Kriegstrauma gebeutelter Kommissar zu überzeugen, der sich mehr und mehr in den Fall verbeißt und sich bei allen inneren Dämonen furchtlos zeigt. Liv Lisa Fries spielt Charlotte »Lotte« Richter als Berliner Göre, wie man eine Göre nicht göriger spielen kann. Mit unerschütterlichem Optimismus und stets einem verschmitzten Lächeln im Gesicht erreicht Lotte am Ende immer genau das, was sie sich in den Dickschädel setzt. Dazu kommt Matthias Brandt als Regierungsrat August Benda, der Rückgrat zeigt und am Ende doch an den politischen Kräften scheitert. Auch der ewige Lars Eidinger darf natürlich nicht fehlen, fällt dieses Mal jedoch vor allem durch seine selten hässliche Frisur auf.

Erst auf Sky, dann in der ARD

»Babylon Berlin« feierte seine deutsche Erstausstrahlung im Oktober und November beim Bezahlsender Sky und wird Ende 2018 auch in der ARD zu sehen sein. Bis dahin haben alle Sky-Kunden die Möglichkeit, die Serie auf Abruf zu sehen. Aufgrund der Gebührengelder, die Degeto Film zur Finanzierung der Serie beitrug, gab es über die Vorgehensweise in Sachen Ausstrahlung deutliche Kritik. Warum darf man die Serie als Gebührenzahler erst ein Jahr nach ihrer Premiere sehen?

Gut Ding will Weile haben

Glaubt man den Beteiligten, war der letztlich eingeschlagene Weg jedoch die einzige Möglichkeit, das Großprojekt überhaupt zu stemmen. Wer sich das sonst übliche Fernsehprogramm aus unserem Lande im Free-TV so anschaut, wird froh sein, dass sich erste Alternativen bieten. Dass es dann mitunter auch länger dauert, wenn man kein zusätzliches Geld für Abo-Fernsehen in die Hand nehmen will, nimmt man dann gerne in Kauf.

Foto: Screenshot Trailer

Babylon Berlin

Meine Wertung

Großes Kino fürs Fernsehen - bildgewaltig und spannend auf internationalem Niveau.

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The Disorder

Weltinteressierter, offenaugiger, nachtneugieriger Individualmensch in glücklicher Zweierbeziehung, der Musik und Fotos macht, Bücher schreibt und Filme filmt.

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