Gesellschaft

Unfassbar

Das Attentat in Las Vegas lässt einen sprachlos zurück

Immer mehr Tote

Eigentlich war heute ein ganz anderer Text geplant. Ein paar Worte zu einer spannenden Zeit, über die eigene, persönliche Situation, die Bürokratie in der Bundesrepublik Deutschland und dass es kein Geheimnis ist, dass diese oft eher lähmt und verhindert als zu helfen. Die Betonung dieser ersten Sätze liegt jedoch auf dem allerersten Wort, dem Wort »eigentlich«. Denn kaum war der Text in einer ersten Rohform fertig, erreichten mich heute früh die ersten Meldungen aus Las Vegas. Zuerst war von vielen Verletzten die Rede, dann von mindestens zwei Toten. Irgendwann hieß es dann plötzlich per Push-Nachricht von »ZEIT online«, dass mindestens 20 Menschen ums Leben gekommen sind und nur eine Stunde war dann von über 50 Toten die Rede.

In die Menschenmenge gefeuert

Der Wahnsinn nahm seinen Lauf, der aktuelle Stand der Todesopfer liegt – wenn ich mit meinem Stand der Informationen noch aktuell bin – bei 58 Toten und weit über 200 Verletzten. Ein Geisteskranker (ich nenne ihn bewusst nicht Mensch) hat mit seinem Maschinengewehr aus dem 32. Stock eines Luxus-Hotels mitten in Las Vegas wahllos in eine Menschenmenge gefeuert. Eine Menschenmenge von fast 30.000 Musik Begeisterten, die sich gerade bei einem Country-Festival amüsierten. In einem veröffentlichten Video hört man die Salven. Was wie ein stinknormales Handyvideo von einem Konzert beginnt, wird unversehens zu einem wahren Horror-Video.

Der Mensch, den Du liebst

So eng, wie die Leute dort vor der Bühne stehen, muss man annehmen, dass mit jedem einzelnen Knall der schier endlosen Salve ein Mensch getroffen wurde. Ein kurzes Plopp von vielen und der Mensch, der eben noch bester Laune direkt neben Dir getanzt hat, sinkt blutüberströmt und tödlich getroffen in sich zusammen. Vielleicht ist es sogar der Mensch, den Du liebst, Dein Ehepartner, Dein Freund, Deine Freundin, Deine Schwester, Dein Bruder, Deine Mutter, Dein Vater. Oder Du selbst bist es. Du tanzt, Du freust Dich, bist gut drauf, vielleicht sogar etwas angetrunken. Du hörst nicht einmal, wie der Schuss abgefeuert wird, denn der Schlag ist schneller als der Schall. Und er ist heftiger als alles, was Du bisher erlebt hast. Du spürst den kurzen Schmerz und Dein Bewusstsein verschwindet, noch ehe Deine Knie nachgeben und Dein lebloser Körper zu Boden sinkt. Du bist tot, ehe Du überhaupt merkst, dass Du stirbst.

Mit menschlichem Ermessen nicht zu fassen

Die Tat von Las Vegas ist mit menschlichem Ermessen nicht zu begreifen. Genauso wenig wie die Taten von New York, London, Madrid, Paris, Berlin, Nizza oder wo auch immer zu verstehen waren. Terror kann man nicht begreifen. Er lässt Dich zurück – fassungslos, mit dem Blick ins Leere und den Gedanken daran, das wir in unserer heutigen Zeit ständig mit dieser Gefahr leben müssen.

Es wird ein wütender Mensch aus mir

Nein, zu einem ängstlicheren Menschen hat mich das nicht gemacht. Eher zu einem Menschen, der mehr und mehr wütend auf diese Geisteskranken wird, die sich selbst über ihre Opfer stellen. Die aus irgendeinem kranken Grund glauben, dass sie die Entscheidungshoheit haben, was falsch und was richtig ist und noch dazu denken, dass die, die diese Meinung nicht teilen, es verdient haben zu sterben. Auf Einzelschicksale kann da für die gute Sache natürlich keine Rücksicht genommen werden.

Ich erschrecke vor mir selbst

Und so merke ich, dass in mir mehr und mehr die Wut auf diese Attentäter steigt. Die Abstände zwischen den Terrorakten werden gefühlt immer kürzer, die Taten immer brutaler und wenn ich nicht aufpasse steigt meine Wut mit jedem Attentat. Und das ist leider gefährlich. Es rückt mich in eine Richtung, die ich vor ein paar Jahren noch für unmöglich gehalten hatte. Nämlich, dass ich mich innerlich freue, wenn es heißt, der Attentäter sei erschossen worden oder habe sich selbst gerichtet. Ich freue mich tatsächlich über den Tod eines – soll ich nun doch sagen – Menschen? Macht mich das im Kleinen nicht zu genau dem, was diese Amokläufer machen? Ich freue mich über das Ableben – ohne dass ich die Geschichte dahinter kenne. Ohne dass ich auch nur den Hauch einer Ahnung habe, was dieses Arschloch dazu getrieben hat, zu tun, was er getan hat, bin ich der Meinung, dass er am Ende einfach das bekommen hat, was er verdient hat.

Ein ekelhafter Gedanke

Aber ist nicht allein der Gedanke, dass es auf dieser Welt Menschen gibt, die den Tod verdient haben, schon abschreckend und im Grunde ekelhaft? Müssen wir nicht gerade diesen Gedanken entgegenwirken, wenn wir unsere kranke Welt wieder gesunden wollen und sie zu einem Platz machen, auf dem alle Menschen friedlich miteinander leben können? Natürlich kann man es sich einfach machen und sagen: Das wird nie und nimmer funktionieren, denn es gibt immer Menschen, die aus der Reihe fallen. Meine Gegenfrage: Aber muss dieses aus der Reihe fallen gleich in der Art geschehen, dass die Leute wir wild gewordene und verletzte Tiere um sich schießen? Gibt es nicht irgendwo einen Weg, ein Mittel, eine Gelegenheit, diese Menschen so abzuholen, dass sie sich mit ihren Sorgen und Ängsten ernst genommen fühlen?

Wir müssen heute mit Liebe anfangen

Mit Sicherheit gibt es diese Möglichkeit – und frag doch mal die Hinterbliebenen der Opfer des feigen Terroranschlags von Las Vegas. Sie werden Dir sagen: Wir müssen heute damit anfangen. Überall. Auf der ganzen Welt. In jedem noch so kleinen Dorf – ganz egal, ob dieses Dorf irgendwo in der Wüste in der Nähe von Las Vegas liegt, im brasilianischen Regenwald oder irgendwo im Hindukusch. Wir brauchen Liebe, wir brauchen Zuwendung, wir brauchen Interesse an den Menschen um uns herum. Und wir brauchen mit Sicherheit keine politischen Brandstifter, wie sie hierzulande im Tarnmantel einer Alternative gerade in den Deutschen Bundestag eingezogen sind.

Nazis und das Recht auf Leben

Denn wer weiß? Wenn das so weiter geht, kommt vielleicht mal irgendwann jemand auf die Idee, dass Nazis kein Anrecht mehr auf ihr Leben haben… und dann? Einfach mal die Waffe in die Demo halten? Ich will nicht mal im Ansatz daran denken, was dann in diesem Land los wäre…

Stichworte

The Disorder

Weltinteressierter, offenaugiger, nachtneugieriger Individualmensch in glücklicher Zweierbeziehung, der Musik und Fotos macht, Bücher schreibt und Filme filmt.

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