Fußball national

Von der Presse getrieben

Warum es im Fußball immer seltener um Fußball geht

Absurdität erreicht den Höhepunkt

Am vergangenen Wochenende hat sie dann endgültig ihren bisherigen Höhepunkt erreicht: Die Absurdität des modernen Fußballgeschäfts. Nach einem 1:2 im Heimspiel gegen Werder Bremen sah sich Borussia Dortmund am Sonntag dazu gezwungen – noch wochenlangem Ringen und mit Tränen in den Augen – Trainer Peter Bosz von seinen Aufgaben zu entbinden. Der Niederländer hatte als Verantwortlicher mit seinem Team nur eins der letzten dreizehn  Spiele gewinnen können – im Pokal gegen den unterklassigen 1.FC Magdeburg.

Die üblichen Mechanismen

Also wurde das übliche Bohei veranstaltet, begonnen vor Wochen mit den üblichen »Wir stehen zum Trainer«-Statements über die ersten Verantwortlichen im Verein, die sich von ihm abwandten (»Wir müssen das in aller Ruhe besprechen«) bis hin eben zur Trennung am Sonntag. So weit, so gut. So weit, so bekannt. Was die Spitze der Borussia dann jedoch noch am selben Nachmittag verkündete, setzte dem üblichen Trainer-Entlassungswahnsinn die Krone auf. Zeitgleich mit der Verkündung der Trennung von Peter Bosz, präsentierte man in Dortmund mit Peter Stöger bereits den Nachfolger.

Stöger für Bosz

Und obwohl es nicht ungewöhnlich ist, dass ein Trainer bei Bekanntgabe einer Trainer-Entlassung bereits einen Nachfolger präsentiert, musste so mancher Fußballexperte da dann doch noch einmal nachfragen. Peter Stöger? Jener Peter Stöger, der erst eine Woche beim 1.FC Köln entlassen worden war, weil er mit seiner Mannschaft in 14 Spielen ganze drei Punkte ergattern konnte?

Viel Glück in Dortmund

Ein Mann also, der unbestritten über fachliche Kompetenz verfügt, es aber trotzdem eben auch nach mehr als einem Drittel der Saison noch nicht geschafft hatte, seiner Mannschaft den Weg aus dem Schlamassel zu zeigen. Und dieser Peter Stöger soll nun also die Borussia Dortmund aus dem Dreck ziehen. Na, viel Glück auch in Dortmund.

Die Manager unter Beobachtung stellen

Matthias Sammer – sonst eher durch manchmal seltsame Äußerungen auffällig – sagte nach dem Wechseltheater in Dortmund, dass eine Umdenken stattfinden müsse. Es dürften nicht immer nur die Trainer in die Diskussion gestellt werden. Auch die Manager der Bundesliga-Vereine müssten stärker unter Beobachtung gestellt werden. Sie sind es schließlich, die bei der Zusammenstellung des Kaders und der Einstellung des Trainers ein gehöriges Wort mitreden. Wer übernimmt die Verantwortung, wenn Peter Stöger nun auch wieder nicht der richtige Mann ist? Richtig, am Ende wird es Peter Stöger selbst sein. Seltsamerweise…

Eine Flut von Entlassungen

Die Manager und Präsidenten der deutschen Profi-Vereine machen es sich dieser Tage zu einfach. Fünf Trainerwechsel hat es in der Fußball-Bundesliga an 15 Spieltagen bereits gegeben. Alle drei Woche irgendwo ein neuer Trainer – von Langfristigkeit kann da keine Rede mehr sein. Zumal es in Liga zwei noch schlimmer aussieht. Hier mussten in dieser Saison bereits zehn Trainer vorzeitig ihren Hut nehmen – der erste mit Gertjan Verbeek sogar schon vor der Saison (und auch sein Nachfolger beim VfL Bochum ist bereits wieder weg).

Das Tagesgeschäft wird zum Stundengeschäft

Unbestritten: Fußball ist ein Tagesgeschäft. Drei Niederlagen in Folge und die Presse beginnt zu rumoren. Und beginnt die Presse zu rumoren, folgen die ersten Pfiffe der treuen Leserschaft auf den Rängen. Pfiffe wiederum führen zu schlechter Stimmung und die will doch nun wirklich niemand haben. Schließlich birgt die schlechte Stimmung die Gefahr um den eigenen Job – mehr noch als weitere Niederlagen.

Die Presse verfolgt eigene Interessen

Die Verantwortlichen der Vereine werden zu Gehetzten. Zu Jagdopfern der Presse, die ihre Auflagen und Webseiten-Klicks durch täglich neue Geschichten über den Lieblingsverein der Leser aufrecht erhalten müssen. Und wie lassen sich »Geschichten« am besten kreieren, wenn in Wirklichkeit gar keine da sind? Schon mal darüber nachgedacht, dass die Presse eventuell andere Interessen verfolgt als Ihr, liebe Vereinsbosse? Während Ihr es nämlich in Eurem Verein gar nicht ruhig genug haben könnt, um Euch ganz und gar aufs Sportliche zu konzentrieren, unterschreibt Euch jeder Pressevertreter, der seinen Job versteht, dass für ihn die Unruhe im Lieblingsverein seiner Leser das tägliche Brot ist. Ist es da zu weit gedacht, dass die ganz Gewieften unter den Presseleuten vielleicht sogar auf die Idee kommen, das ein oder andere Gerücht zu streuen, wenn es im Hausverein zu ruhig ist und die heimische Redaktion nach mehr Futter ruft?

Einen Gang zurückschalten

Spätestens seit den Absurditäten des Wochenendes wären alle  Beteiligten gut beraten, mal einen Gang zurück zu schalten. Bei Union Berlin wurde Trainer Jens Keller auf Platz vier liegend entlassen, weil man drei Spiele nicht gewinnen konnte und der Rückstand auf den Relegationsplatz auf (uneinholbare?) drei Punkte angewachsen war.

Ewig die gleiche Leier

Und ja, natürlich kommen die Herren aus den Gremien dann immer mit den Floskeln der Zwischenmenschlichkeit, die auch schon länger nicht mehr gestimmt habe und dass man sich aufgrund interner Reibereien… ach, Leute, hört doch auf! Wenn es zwischenmenschlich nicht mehr passt, fängt man vielleicht einfach mal bei sich selbst an. Irgendwann glauben dien Fans den ganzen Schmu nämlich nicht mehr und verlieren das Interesse. Jede Woche eine Trainer-Entlassung, alle drei Tage ein Transferhammer und überhaupt hat Bayern München inzwischen die halbe Liga auf seiner Liste der Verpflichtungswünsche.

Die reine Effekthascherei

Der halbwegs intelligente Fan kann über so Effekthascherei doch nur noch lachen. Und wenn der Witz dann zum zwanzigsten Mal erzählt wurde, ist er nicht mehr lustig. Das Lachen verstummt und niemand interessiert sich mehr dafür. Nur weil ein Bezahlsender die Idee hat, einen 24-Stunden-Kanal mit Sport-Nachrichten etablieren zu wollen, heißt das doch noch lange nicht, dass man als Bundes- oder Zweitligist dazu verpflichtet ist, diesen Kanal auch zu befüllen. Denn auch, wenn der Affe Zucker liebt, irgendwann wird ihm auch wieder nach etwas Nahrhaftem sein.

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The Disorder

Weltinteressierter, offenaugiger, nachtneugieriger Individualmensch in glücklicher Zweierbeziehung, der Musik und Fotos macht, Bücher schreibt und Filme filmt.

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