Fragmente

Ein Leben zu zweit

oder: Niemals allein sein

Aus reinem Selbstschutz

Ich bin eine zutiefst schizophrene Persönlichkeit. Jetzt weißt Du es, jetzt weiß ich es endlich auch. Lang genug war der Weg zur Selbsterkenntnis, doch wenn Du nicht da bist, tue ich Dinge, die Du Dir in Deinen schwärzesten Phantasien nicht vorstellen kannst. Aus reinem Selbstschutz verzichte ich auf eine Beschreibung, komme lieber zu der Erkenntnis, dass ich längst nicht die Frau bin, nach der ich mich sehne. Denn neunzehn Jahre alt bin ich schon lange nicht mehr und letztlich hast Du mich wieder allein gelassen, die ganze Nacht.

Ein Leben ohne mich

Also habe ich mich wieder verwandelt, war glücklich über jede Sekunde, jede Minute, jede Stunde, die mir blieb – ohne Dich. Ich malte mir ein Leben ohne mich aus und freute mich sogar über die Spinne, die mir ohne Vorwarnung plötzlich über den Bildschirm kroch, einem lautlosen Raubtier gleich, in der Dunkelheit auf der Suche nach Beute, nach Fressen, nach Überleben.

Lautlos zuschlagen

Zu gerne hätte ich sie getötet, einfach so, sie mit ihren eigenen Waffen geschlagen, lautlos einfach zugegriffen oder sie erdrückt, in meinen Fingern zermalmt, doch so sehr ich auch wollte: Ich konnte Dich nicht anfassen, konnte mich selbst nicht greifen und ließ die Spinne entkommen.

Angst vor Spinnen

Nein, ein Leben ist das nicht. Schließlich habe ich Angst vor Spinnen und so möchte ich weder so sein wie Du, noch wie ich und schon gar nicht wie heute Abend. Gestern hattest Du ihn noch dabei, ihn, mich, ganz nah bei Dir. Ich habe Dein Lachen gehört, Deine Freude, und wusste sofort, dass Du nicht mehr an mich denkst.

Geputzte Zähne im Sonnenaufgang

Was bleibt mir also außer dem Warten? Die Spinne ist längst tot – nein, ich habe sie nicht getötet, sie ist verhungert – und ich sitze mit fisch geputzten Zähnen auf dem Balkon, beobachte den nicht zu verhindernden Sonnenaufgang und öffne eine Banane, bis ihre gelbe Schale sich wie die Beine einer toten Spinne der Schwerkraft ergeben.

Eine letzte Zigarette

Und auch wenn ich es gar nicht will, das Wissen darum, dass morgen früh alles wieder gut sein wird, lässt mich noch eine letzte Zigarette rauchen. Ein letztes Mal bewege ich jede einzelne Faser meines Körpers, die mir noch gehorcht. Die andere Hälfte gebe ich  an Dich weiter, schenke sie Dir, schenke sie mir, denn ich brauche sie nicht mehr. Solange ich meine Ruhe habe, schenke ich mir Dich, tauche in Dich ein und drücke aus Rücksichtnahme sogar die Zigarette aus. Ich genieße die Zeit, die uns bleibt, die wenigen Stunden, ehe alles wieder so sein wird, wie es mal war. Ob ich es will oder nicht. Du wirst wieder da sein und unsere gemeinsame Nacht wird zu Staub zerfallen wie eine getötete Motte, die sich zu nah ans Licht wagte.

Stichworte

The Disorder

Weltinteressierter, offenaugiger, nachtneugieriger Individualmensch in glücklicher Zweierbeziehung, der Musik und Fotos macht, Bücher schreibt und Filme filmt.

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