Gesellschaft

Touristen in Berlin

Eine Fahrt mit der Buslinie 100

Vertrauen ist gut

Vertraut man den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) ist die kürzeste Verbindung zwischen Alexanderplatz und Lützow Platz tatsächlich der Bus 100. Die Linie also, die auch in jedem Reiseführer über Berlin angepriesen wird, weil ihre Fahrt Unter den Linden an tausenden Sehenswürdigkeiten vorbei führt, bis hin zum Brandenburger Tor und dem Reichstag.

Todesmutig ins Gewühl

Da ich am Lützow Platz verabredet bin, stürze ich mich also todesmutig ins Gewühl und schon an der Haltestelle wird mir klar, warum ich am liebsten allein in den Urlaub fahre. Diskutierende Touristenfamilien, die nicht fähig sind, den einfachsten Plan zu lesen, obwohl sie sich eindeutig auf Deutsch (bzw. Schwäbisch) unterhalten. Fährt der Bus nun am Dom vorbei oder müssen wir in die andere Richtung? Die Stimmung ist deutlich gereizt, der Vater als sonst anerkanntes Familienoberhaupt merklich überfordert. Ich könnte ja einen Tipp geben, doch dann wäre das Schauspiel vorbei und so beobachte ich noch einen Moment schweigend. Der Vater bestimmt schließlich, der Bus wird genommen, auch wenn die beiden pubertierenden Töchter längst keine Lust mehr auf Sightseeing haben.

Die Spanier trennen sich

Die spanischen Schüler auf Klassenfahrt sind sich auch nicht so recht einig und so splittet sich die Gruppe als der Bus kommt. Die Mädchen stürmen den Doppeldecker, schmeißen dem Fahrer ihr Fahrgeld hin und hetzen nach oben auf die vorderen Plätze mit der Rundumsicht. Die schwäbische Familie hat keine Chance, muss ein paar Sitzreihen weiter hinten Platz nehmen. Die spanischen Jungs geben ihre Coolness nicht auf und setzen sich unten in den Bus.

Mit Blitzlicht gegen die Scheiben

Kaum fährt der Bus an, werden die Digitalkameras gezückt und mit automatischem Blitz wird gegen die Seitenscheiben gefeuert. Jedes Bild wird den Freundinnen in heillosem Geschnatter als heißer Kandidat für den Pulitzer Preis präsentiert und mein Blick schweift auf die wabernde Menschenmasse, die sich an Madame Toussot vorbei in Richtung Brandenburger Tor schiebt. Der Verkehr stockt an der viel zu kurzen Grünphase der Ampel und ich bewundere den Busfahrer, wie er sein großes Gefährt durch die zähflüssige Blechkarawane manövriert. Ich weiß jetzt wieder, warum ich so selten in diesem Teil von Berlin unterwegs bin und überlege mir, ob man in der Oxford Street genauso wenige Londoner trifft, wie es hier nach echten Berlinern aussieht.

Ruhe im Bus

Am Reichstag leert sich der Bus. Die Schwaben stöhnen über die lange Schlange vor dem Gebäude, die Spanierinnen sammeln ihre coolen Freunde wieder auf und spätestens ab der Siegessäule ist wieder Ruhe im Bus.

Stichworte

The Disorder

Weltinteressierter, offenaugiger, nachtneugieriger Individualmensch in glücklicher Zweierbeziehung, der Musik und Fotos macht, Bücher schreibt und Filme filmt.

Ähnliche Themen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Das könnte Dich auch interessieren

Close
Close