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DiSORDERUNIVERSE

Nur schwer zu ertragen

NUR SCHWER ZU ERTRAGEN

Vom Hype zur Übersättigung

Es ist ein ungeschriebenes Gesetz des Marktes, dass einem Hype früher oder später auch die Übersättigung folgt. Schließlich bestimmt das Angebot die Nachfrage und umso mehr es zu futtern gibt, desto mehr wird eben auch in sich hineingestopft.

Immer mehr Serien

Ein Phänomen, vor dem auch die wie Pilze aus dem Boden sprießendem Streaming-Dienste mit ihren unzähligen Fernsehserien nicht sicher sind. Hatte der Hype um das Serienformat vor ein paar Jahren noch den positiven Effekt, dass die Qualität des Erzählens in Folgen und Staffeln einen gehörigen Qualitätssprung nach oben gemacht hat, zeigen sich nun erste Abnutzungserscheinungen. Die gesteigerte Qualität hat den Kuchen auch größer werden lassen und natürlich wollen nun alle ein möglichst großes Stück davon abhaben. Leider bewirkt ein künstliches Wachstum auch immer eine wieder sinkende Qualität. Denn wenn es zu schnell geht, wird es zunehmend schwieriger, die entstehenden Löcher mit etwas Anderem als Luft zu füllen.

Der Serienkiller in Serie

Auf den Serienmarkt angewendet bedeutet dies: Überall auf der Welt werden inzwischen qualitativ akzeptable Serien produziert. Der Markt wird überschwemmt mit Thrillern und Krimis – und in vielen Fällen ist es ironischerweise ausgerechnet ein Serienkiller, der die Polizei zwar vor mehr oder weniger große Herausforderungen stellt, am Ende aber doch meist hinter Schloss und Riegel verschwindet. Als Zuschauer gewinnt man dann relativ schnell dem Eindruck: Irgendwo habe ich das schon mal gesehen. Vor allem dann, wenn die Produzenten aufs vermeintlich sichere Pferd setzen und nach dem Film zum Buch auch noch die Serie zum Film drehen.

Der Wald vor lauter Bäumen

Da liegt es dann leider auch in der Natur der Sache, dass in einem steig größer werdenden Meer des Angebotes die echten Qualitätsleuchttürme zu einer Rarität werden. Zwei dieser Leuchttürme in letzter Zeit waren »Das Boot« (Sky) und »Unorthodox« (Netflix) – vielleicht auch, weil es eben in beiden Serien mal nicht um einen Serienmörder ging und die Macher von »Das Boot« zwar die Starthilfe des Filmnamens mit an Bord nahmen, ansonsten jedoch recht eigenmächtig agierten.

Erst übersehen, dann fasziniert

Zu den möglichen Problemen eines Überangebots gehört dann leider auch die durchaus gegebene Gefahr, dass man etwas übersieht. Denn ein weiterer Leuchtturm der Qualität – ja, fast schon ein Wolkenkratzer – ist bereits seit April 2019 bei Netflix online, wurd nun aber noch einmal gepusht: die schwedische Serie »Quicksand – Im Traum kannst du nicht lügen«.

Eine 18-jährige Mörderin

Nach einem Amoklauf an einer Stockholmer Privatschule wird die 18-jährige Schülerin Maja von der Polizei festgenommen. Die ermittelnde Kommissarin ist sich schnell sicher, das die Abiturientin an der Schiesserei nicht nur beteiligt war, sondern diese auch mit geplant hat. Die Staatsanwältin folgt den Ansichten und lässt Maja in Untersuchungshaft mit verschärften Bedingungen sperren. Dazu gehört z.B. ein Kontaktverbot. Einzig ihren Anwalt darf die junge Frau in Einzelhaft sehen.

Die Zeit vor dem Amoklauf

Neben den Schwierigkeiten, die die junge Frau mit ihrer erzwungenen Isolation nun hat, wird in Rückblicken nun auch die Zeit vor dem Schulattentat beleuchtet. Schnell wird hierbei klar, woher der Titel der Serie rührt. Maja verliebt sich in Sebastian, den späteren Attentäter, drogen- und alkoholsüchtiger Sprössling eines reichen Unternehmers, der jedoch selten zu Hause ist und sich nur wenig um den eigenen Nachwuchs kümmert. Doch Maja ist dem jungen Mann trotz – oder gerade wegen – seines exzessiven Lebensstils schnell verfallen und merkt gar nicht, wie sehr sich selbst in dieser Abhängigkeit verfängt. Sie will ihrem Freund helfen, bräuchte dabei jedoch eigentlich selbst dringend Hilfe, um sich aus dem Treibsand der eigenen Liebesbeziehung zu befreien.

Der Untergang eines jungen Menschen

Denn Sebastian wird mit den immer ausschweifenderen Exzessen auch zunehmend brutaler und gewalttätiger. Maja wird dabei mehr und mehr das Mittel zum Zweck, an dem der frustrierte und gelangweilte Sebastian seine Aggressionen auslassen kann. Gerade zum Schluss hin wird die Beziehung der beiden jungen Menschen zum reinen Martyrium, das an Stellen nur noch schwer auszuhalten ist. Schließlich weiß man als Zuschauer ja, wo dieser Strudel aus Gewalt und Drogen enden wird. Die Fragen nach Schuld und Unschuld bleiben jedoch bis zur Gerichtsverhandlung offen. War Maja Mittäterin, vielleicht sogar die auslösende Kraft, weil sie nicht ertrug, wie der Vater Sebastian behandelte?

Opfer oder Täterin?

Was wusste Maja von den Plänen ihres Freundes? Inwieweit hatte Sebastian den Amoklauf an der Schule überhaupt geplant? Und wie kam es zu den tödlichen Schüssen auf Majas beste Freundin Amanda?

Kann man Maja glauben?

Es macht den Reiz und die Spannung dieser Miniserie aus, dass man sich bis zum Schluss nicht sicher sein kann, ob man den Darstellungen Majas glauben kann. Eine junge Frau, die bis zur Selbstaufgabe liebt und schließlich merken muss, dass ihre eigenen Gefühle sie betrügen – ist sie das Opfer, das zur falschen Zeit am falschen Ort war? Oder ist sie doch der eiskalte Engel, der sie so gern wäre, und führt am Ende alle an der Nase herum?

Foto: Screenshot Trailer/Netflix

Quicksand - Im Traum kannst du nicht lügen
4.5/5