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Lächerlich

LÄCHERLICH

Der Rubel rollt, wenn der Ball rollt

Geht es nach den Oberen der DFL soll er nun also bald wieder rollen…. Der Ball…. Unser aller Lieblingssport soll zurück auf die Mattscheibe. Denn schließlich rollt auch der Rubel nur, wenn der Ball rollt. Und rollender Rubel sichert schließlich Arbeitsplätze – da ist doch nun wirklich nichts dagegen zu sagen. Das ist in der Industrie Fußball nicht anders als in anderen Wirtschaftszweigen auch.

Die Abgehobenheit der Funktionäre

Und so hat die Deutsche Fußball-Liga am Donnerstag (23.4.) ihr Konzeptpapier zur Fortstzung der unterbrochenen Saison vorgestellt. Gezeigt hat sich damit erneut vor allem eins: Die Abgehobenheit ihrer Funktionäre.

Nur, damit wir uns nicht falsch verstehen: Arbeitsplatzsicherung ist eine tolle Sache. Wer auf der Geschäftstelle eines Fußballvereins arbeitet, freut sich jeden Monat über das als Gehalt eingehende Geld und in den Büros ist sicherlich bestens möglich, die gebotenen Abstandsregeln einzuhalten. Das funktioniert ja schließlich in der gerade wieder anlaufenden Auto-Industrie auch bestens. Und die Friseure und Friseurinnen sind auch froh, wenn sie den Leuten demnächst endlich wieder die Corona-gesplissten Spitzen schneiden dürfen.

In Demut ohne Termin

Aber mal ganz ehrlich, liebe Fußball-Funktionäre: Der Ball soll rollen? Habt Ihr den Schuss nicht gehört? Oder besser und eindeutiger: Hört Ihr die Schießerei nicht? Zwar scheint ein dumpfes in der Ferne wahrgenommenes Grollen immerhin dazu geführt zu haben, dass man den Termin des nächsten Anpfiffs nun offen lässt. Doch man muss nicht einmal zwischen den Zeilen lesen müssen, um zu erkennen, worin das Ziel des ständigen Vorpreschens liegt. Innerlich scharrt man mit den Hufen, äußerlich gibt man sich gelassen. Der Termin des nächsten Spieltages sei Sache der Politik, so DFL-Geschäftsführer Christian Seifert. Doch wenn die Politik den Startschuss gibt, sei man von Seiten der Klubs und der DFL bereit.

Ein Konzept für 2021?

Lieber Herr Seifert, wer die Schießerei nicht hört, wird auch den Startschuss nicht hören. Das jedenfalls, was die DFL da als Konzept vorgelegt hat, dürfte normalerweise frühestens im Frühjahr 2021 halbwegs ohne schlechtes Gewissen umsetzbar sein. Ich schreibe hierbei bewusst und betonend: normalerweise. Schließlich weiß man bei Herrn Laschet und Herrn Söder im Moment nie so genau, welche Eingebungen sie plötzlich irgendwo her holen.

Die wirtschaftliche Komponente

Für das Konzept spricht natürlich vor die wirtschaftliche Komponente – und man muss zumindest Herrn Seifert zu Gute halten, dass er ja nun mal in erster Linie genau diese Linie des  Fußballs vertritt. Von Collateralschaden der Corona-Krise hat er gesprochen, wenn der Ball nicht bald wieder durch die Stadien fliegt – und eben rein wirtschaftlich mag er da vielleicht sogar Recht haben.

Was Herr Seifert und die DFL nicht bedenken: Das, was sie in ihrem Papier auf vielen Seiten beschreiben, hat mit dem Fußball, den wir lieben, nicht das Geringste zu tun. Hier werden Gehirnströme künstlich am Leben gehalten, obwohl das Herz längst aufgehört zu schlagen.

Gute Gründe gegen den Fußball

Selbst wenn die Politik aus reinen Machterhaltungstrieben schon in den nächsten Wochen ihr »Ok« geben würde, dem Fußball als solches, seinem Image, würde das alles andere als gut tun. Denn bei allem Für aus wirtschaftlicher Sicht, so gibt es eben doch noch immer und auch nach Vorlage des Konzeptes jede Menge Gründe, die gegen eine Wiederaufnahme des Spielbetriebs sprechen.

Geisterspiele sind für den…

Erstens: Kein Mensch will Geisterspiele sehen! Wir lieben den Fußball, weil in einem Stadion eine tolle Atmosphäre herrscht! Weil wir uns mit Freunden treffen können, Lieder singen und alle Sorgen und Probleme für einen Nachmittag zu Hause lassen können. Versteht Ihr das? Herr Rummenigge, Herr Watzke, Herr Seiffert? Wir: Im Fußball-Stadion. Probleme: Zu Hause. Was ihr uns da anbietet klingt aber definitiv eher nach – Wir: Zu Hause. Unsere Probleme: Auch zu Hause. Win-win-Situation? Auf jeden… nicht!

Keine Sonderbehandlung

Zweitens: Nein, natürlich beansprucht der Profi-Fußball keine Sonderregeln… Schließlich heißt es in dem Konzept ja: Maximal 300 Leute in und ums Stadion. Jede Versammlung von mehr als zwei Leuten – egal, ob beruflich oder privat – ist verboten, aber in den Arenen treffen sich 300 weder verwandte, noch verschwägerte Leute. Ja, nee… klar. Ich habe schon verstanden: Schließlich bedeutet das ja z.B. im Innenraum, dass sich einhundert Menschen auf etwas mehr als 8.000 m² verteilen. Das sind 80 m² pro Person – mehr Platz als viele von uns in ihrer Zwei-Zimmer-Mietwohnung haben. Klingt doch nach einem guten Plan… also zumindest bis zum ersten Zweikampf kurz nach Anpfiff irgendwo auf Höhe der Mittellinie. Danach: Schweiß mischt sich mit Schweiß mischt sich mit Schweiß mischt sich mit Schweiß… ich könnte ewig so weiter machen. Ich liebe echten Männersport.

Es fehlen noch immer Testkapazitäten

Drittens: Ja, liebe DFL – ich traue euch sogar zu, genügend Geldmittel locker gemacht zu haben, um Testkapazitäten irgendwo zu kaufen und die Anzahl verfügbarer Tests in Deutschland… Moment mal. Kapazitäten kaufen? Also irgendwo mit dem dicken Geldbündel wedeln?
Mal in Fußballdeutsch erklärt: Wenn es auf der Welt nur 5.000 – und damit viel zu wenige – Lederbälle gibt, dann hilft es auch nicht, wenn man sie irgendwo in Hintertupfingen weg kauft. Und auch, wenn man nur 0,4 Prozent aller Lederbälle wegkauft. Sie fehlen! Denn irgendwo in Hintertupfingen kann deshalb ein kleiner Junge nicht mehr gegen den Ball treten. Und so lange in Deutschland nicht genügend Möglichkeiten vorhanden sind, um im Pflege- und Gesundheitsdienst flächendeckend zu testen, so lange die Schulen geschlossen bleiben, weil die Lehrkräfte nicht ausreichend getestet werden, so lange ist jeder Test für einen Fußballer ein Test zu viel.

Und wenn sich jemand infiziert?

Viertens: Sei die Frage erlaubt, wann denn die Tests überhaupt durchgeführt werden? Mindestens einmal in der Woche heißt es da. Aber wer sagt mir, dass ein Spieler, der am Montag getestet wurde, am Samstag noch immer virenfrei ist? Gibt es Schnelltests am Spielfeldrand und die Spieler kriegen erst dann das »Go«, wenn ihr Teststäbchen grün aufleuchtet? Oder wird der Test nach dem Spiel durchgeführt und nur wer virusfrei ist, darf dann auch wieder nach Hause? Die Infizierten übernachten bis zum nächsten Spiel bitte im Stadion in Einzelzellen. Ist halt Pech, wenn es dann den Busfahrer vom Auswärtsteam erwischt und die Gastmannschaft nach Hause laufen muss.

Feuchte Träume ohne Fans

Fünftens: Karl-Heinz Rumgezigge – sorry, Rummenigge – sagte schon mal vorab mit leuchtenden Augen: »Das werden wir zu verhindern wissen.« Ja, fragt sich der geneigte Fußballfan: Was denn? Der feine Herr von Bayern München meinte damit, dass dieses wackelige Kartenhaus der Ideen selbstverständlich von außen geschützt werden muss. Bei den anderen Superreichen dieser Republik darf ja schließlich auch nicht einfach so jeder dahergelaufene Aktionär auf das Anwesen.
Ein Fußballspiel ohne jede kritischen Kommentar von den Rängen, ohne Schmähgesänge und Fadenkreuz-Doppelhalter – wir wissen doch längst, wie die feuchten Träume des früheren Top-Stürmers aussehen.
Spannend wird es, wenn da dann 100 schlecht bezahlte Security-Mitarbeiter im äußersten Kreis um das Stadion herum und selbstverständlich stets auf den Mindestabstand bedacht, eine ganze Fankurve davon abhalten will, den Betrieb lahm zu legen. Oder soll dann vielleicht doch die Polizei…? Ach nee, geht ja nicht. Keine Sonderrechte – und dein Freund und Helfer muss schließlich die öffentlichen Parks bewachen.

Die guten und die schlechten Jobs

Und damit kommen wir zu sechstens, drehen uns im Kreise und sind trotzdem schon fast am Ende: Ja, die Arbeitsplätze. Die gibt es in und ums Stadion natürlich und unwidersprochen zu Hunderten. Angefangen vom Würstchenverkäufer in seiner viel zu teuer gepachteten Stadionbude bis hin zur studentischen Aushilfskraft, die für den Mindestlohn Merchandise-Artikel verkauft. Doch ich muss schon wieder innehalten: Haben diese Leute überhaupt irgendetwas von einem Geisterspiel? Wenn keiner kommt, wem will ich dann einen Schal verkaufen? Wenn keiner kommt, wer soll dann meine Würtchen essen?
Die Arbeitsplätze, die erhalten werden, sind in erster Linie die Jobs derer, die in den VIP-Logen, den Vorstandsetagen und auf dem grünen Rasen zu finden sind. Und ja, auch eine junge Familie mit Profifußballer freut sich, wenn am Anfang des Monats Gehaltseingang auf dem Konto zu verzeichnen ist.
Aber mal ehrlich: Der Würstchenverkäufer wird auch nach dem ersten Geisterspiel nicht wissen, wie er seine Miete weiter zahlen soll. Im Idealfall bekommt er als Angestellter der Uli-Hoeneß-Wurstmanufaktur in Kurzarbeit noch 60% seiner sonstigen 1.100 Euro netto und landet spätestens mit Anpfiff des ersten Geisterspiels knietief im Dispo. Wie edel erscheinen da doch die 20-30% Gehaltsverzicht aller Kinder der eierlegenden Wollmilchsau.

Fußball ist nicht systemrelevant

Siebtens: Ihr seid nicht systemrelevant! Alle Männer, die ihre Frauen schlagen, sind Arschlöcher. Egal, ob sie Fußballfans, Handballfans, Eishockeyfans sind. Männer, die ihre Frauen verprügeln und ihre Kinder drangslieren, haben einen ganz anderen Dachschaden – daran ändert auch ein stattfindendes Geisterspiel nichts. Im Gegenteil: Fernseher an, Bier läuft, Mannschaft verliert und man hockt besoffen zu Hause. Die Frage, wer die Aggressionen in diesem Fall abkriegt, muss an dieser Stelle mit Sicherheit nicht gestellt werden.

Einfach nur schlecht gewirtschaftet

Achtens ist das größte Problem natürlich das Geld. Ihr habt in all den Jahren schlecht gewirtschaftet und finanziell steht euch das Wasser nun bis zum Hals. Zum Glück aber habt Ihr weitreichende Verbündete. Fangen wir bei Markus Söder und Armin Laschet an. Der Großkopferte aus Bayern hat Audi, adidas, Continental im eigenen Land und kennt die Belange des FC Bayern München damit bestens. Es ist also nur eine Frage der Zeit, ehe er sich sagt: »Also gut: Schauen wir, was für den Wähler, pardon, Fußball machen können.«
Ähnlich geht es Armin Laschet in Nordrhein-Westfalen. Der hat nicht nur Borussia Dortmund und das Trampeltier Watzke ständig in der Telefonleitung, sondern auch die aus gutem Grunde momentan etwas leiser tretenden Schalker. Ganz zu schweigen von den Bochumern, den Duisburgern oder gar den Essenern, die als gebeutelte Ruhrpottkumpel schon seit Jahren die Fahne der Aufmerksamkeit schwingen.
Und natürlich darf jeder, der gebeutelt ist, seine Fahne auch schwenken. Schlimm ist nur, wenn es ein Virus braucht, um zu bemerken, dass die wehenden Fahnen schon fast untergegangen sind.
Zudem: Als Manager viel Geld verdienen, am Arbeitsplatz aber schlecht wirtschaften, das Kapital mit viel Risiko gegen die Wand fahren und dann bettelnd angekrochen kommen… irgendwo her kenne ich das…

Viele Fragen bleiben offen

Am Ende bleibt also neuntens nur zu hoffen, dass auch die Politiker, die gerne Kanzler werden wollen, einsehen müssen, dass das mit dem Fußball so nicht geht. Egal wie – es geht eben nicht. Wenn ich da zwei Männer sehe, die sich im Kampf um den Ball gegenseitig unter Einsatz von Blut, Schweiß und Tränen abgrätschen, dann frage ich mich eben ernsthaft: Warum darf ich mir das Gemetzel dann nicht wenigstens mit einer angemessenen Anzahl Kumpels auf Sicherheitsabstand in der Kneipe ansehen? Warum kann man im Kino nicht einfach nur jeden dritten Sitz verkaufen? Warum kann man im Puff nicht jeder Angestellten zum Bestreiten ihres Lebensunterhaltes nicht wenigstens den Körperkontakt zu einer – natürlich unmittelbar vorher getesteten – Person am Abend erlauben? Kurz: Warum dürfen die, die viel Geld haben, mehr als die, die nicht so viel Geld haben?

Es bleiben Fragen über Fragen – aber vor allem die Frage: Leben die Herren in den Chefetagen der DFL inzwischen wirklich in  derart abgeriegelten Elfenbeintürmen, dass sie nicht mehr merken, was nicht nur in unserer gebeutelten Republik vor sich geht?

Lasst die Drittliga-Vereine weiter um einen Saisonabbruch streiten… lasst die Amateurvereine weiter vor die Hunde gehen… lasst ein Theater weiter geschlossen, obwohl dort wie immer nur maximal 50 Leute sitzen und diese sich auf ihren Sitzen sogar quer legen könnten ohne den Sicherheitsabstand zu verletzen.

The Show must NOT go on

Nein, Hauptsache, die Fußball-Show geht irgendwie weiter – und wenn sich dann mal die halbe Mannschaft irgendwie doch ansteckt, dann steht der erste Absteiger eben halt schon fest. Oder es wird am Ende doch per Los entschieden.

Geisterspiele im Fußball sind wie Kneipen ohne Bier. Geisterspiele im Fußball sind wie Filme ohne Musik. Geisterspiele im Fußball sind wie Rock-Konzerte mit Sitzzwang. Sie sind wie Autorennen ohne Motor. Nutzlos.

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