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DiSORDERUNIVERSE

Worum es wirklich geht

WORUM ES WIRKLICH GEHT

Seltsames Spiel

Wer sich gestern am späten Samstagnachmittag verspätet in das Spiel TSG Hoffenheim gegen den FC Bayern München schaltete, der wird sich gewundert haben. Da schieben sich zwei Mannschaften gegenseitig den Ball zu, die Tore sind auf beiden Seiten leer, weil die Torhüter sich am Mittelkreis angeregt unterhalten und trotzdem fällt beim Stand von 6:0 für die Gäste kein weiteres Tor.

Es muss Schlimmes passiert sein

Man musste sich fragen: Was ist passiert? Gab es einen Platzsturm? Ist der Einsatz von Pyrotechnik aus dem Ruder gelaufen? Wurde jemand schwer verletzt oder ist sogar gestorben? Oder handelt es sich um einen Spielerprotest gegen den Videobeweis?

Ein Mann wurde beleidigt

Es war nichts von alledem und nein, auch kein rassistischer Vorfall, nachdem endlich mal die notwendigen und angebrachten Konsequenzen gezogen wurden. Nein, es ging um Spruchbänder in der Gästekurve. Um Spruchbänder, die Dietmar Hopp beleidigten, den Geldgeber der gastgebenden TSG Hoffenheim.

Überzogene Reaktion

So etwas geht natürlich nicht. In Zeiten, in denen die vernünftigen Menschen propagieren, dass wir in unserer Gesellschaft endlich wieder näher zusammenrücken müssen, um dem Mob die Stirn zu bieten, darf es nicht sein, dass Einzelne ausgeschlossen und sogar beleidigt werden. Die heftige und vollkommen überzogene Reaktion der anwesenden Entscheidungsträger am gestrigen Samstag zeigt jedoch auch, dass man auf Seiten des DFB und seiner Funktionäre rein gar nichts verstanden hat. Es  geht bei den Protesten aus der Fankurve mitnichten um Herrn Hopp.

Der DFB hat sein Wort gebrochen

Der DFB hat sein Wort gebrochen, hat entgegen eigener Aussagen, dass man fortan auf rechtlich mehr als zweifelhafte Kollektivstrafen verzichten möchte, gleich den gesamten Dortmunder Anhang für die nächsten Auswärtsspiele der Borussia in Hoffenheim gesperrt. Keine Ultras mehr erwünscht in der Dietmar-Hopp-Arena. Aber eben auch keine Familienväter mit ihren Söhnen – solange  sie eben die gelbschwarzen Vereinsfarben tragen.

Jedes Augenmerk verloren

Wer die Fanszenen in Deutschland nur halbwegs kennt, kann also nicht wirklich überrascht sein, dass sie auf dieses erneute Anwenden der Sippenhaft reagieren.  Überrascht muss man nur sein, wenn man sieht, wie der DFB darauf reagiert. Kriegt er bei den wirklich wichtigen Themen wie Rassismus und rechte Gewalt den Arsch nicht hoch und begnügt sich mit inhaltslosen Werbespots, werden Spruchbänder schon beim Ausrollen dazu benutzt, das Spiel zu unterbrechen.

Die Provokationen kommen an

Wohin diese panische Reaktion führt, hat sich dann gleich heute beim Spiel zwischen Union Berlin und dem VfL Wolfsburg gezeigt. Eine Provokation macht doch schließlich genau dann am meisten Spaß, wenn man weiß, dass sie auch ankommt. Zurück bleibt am Ende ein ratloser alter Mann, der sich mit seinen fast 80 Jahren fragt: »Was wollen die denn eigentlich von mir?«

Sky und BILD spielen mit

Beim DFB wird man ihm diese Frage nicht beantworten können. Das eigene Versagen hat Methode und so lange Sky und BILD mitspielen und ebenso grundlos in die Kerbe der Verurteilung hauen, ist die Welt schließlich noch in Ordnung. Und da Sky und BILD einen Teufel tun werden, den Tropf, an dem sie hängen, zu kappen, lebt es sich auch weiterhin völlig ungeniert. Auf Fragen wie »Hätten die Bayern das Spiel gestern auch eingestellt, wenn sie knapp hinten gelegen hätten?« wartet man in dieser Konstellation dann aber natürlich umsonst.

Auch die Fans müssen sich hinterfragen

Doch bei aller berechtigten und notwendigen Kritik an DFB und DFL – auch die Fanszenen in den Kurven sollten sich hinterfragen, ob sie nicht inzwischen über das eigentliche Ziel hinausgeschossen sind. Es gibt definitiv andere Wege, sein Missfallen zu äußern. Einen einzelnen Menschen am Nasenring durch die Arena zu ziehen, geht jedoch gar nicht. Ganz egal, was dieser Mensch getan hat.

Die Fehler werden in Frankfurt, Nyon und Zürich gemacht

Ich bin mit Sicherheit kein Freund vom Modell Hoffenheim oder gar Leipzig. Doch die Diskussionen um Rassismus und Sexismus in den Stadien und die mangelhafte Reaktion der Verbände zeigt doch: Die Fehler werden in Frankfurt, Nyon und Zürich gemacht. Einen einzelnen Menschen, der noch dazu an an den Entscheidungen bei DFB, UEFA und FIFA gar nicht beteiligt ist, für  irgendwelche Kollektivstrafen verantwortlich zu machen und ihn zur  Zielscheibe des Hasses zu machen, ist schlichtweg falsch.

Es geht um die geistige Brandstiftung

Wer nach den Ereignissen in Hanau und Volkmarsen gegenseitigen Respekt einfordert, muss diesen auch für Herrn Hopp  gelten lassen. Denn auch wenn zwischen den Morden und versuchten Morden und der Beleidigung einer Person ein himmelweiter Unterschied liegt, darf man die geistige Brandstiftung nicht außer Acht lassen. Auf der einen Seite wird – völlig zurecht – die AfD angeprangert, den Weg für die Gräueltaten in Hessen geebnet zu haben. Und auf der anderen Seite? Was passiert denn, wenn irgendein geisitg nicht auf der Höhe befindlicher Mensch die Fadenkreuz-Transparente zum Anlass nimmt und den Provokationen Taten folgen lässt?

Ziel der Kritik müssen DFB und DFL sein

Wer Scheiße baut, soll sich dafür verantworten müssen. Adressat für Kritik und Provokationen muss und darf daher jedoch niemand anderes sein, als DFB und DFL. Für eine Einzelperson muss jedoch uneingeschränkt und völlig unabhängig der Schwere ihrer Taten stets das gelten, worauf unsere gesamte Demokratie und Gesellschaft aufgebaut ist. Zur Erinnerung: Im ersten Paragrafen unseres Grundgesetzes heißt es »Die Würde des Menschen ist unantastbar.«

Würdevoll kritisieren

Das gilt für Herrn Hopps Würde ganz genauso wie es für die Würde der Menchen gilt, die jedes Wochenende in den Stadionkurven unserer Republik stehen und für ihr Engagement nichts als Steine in den Weg gelegt bekommen.

Foto: Von Sven Mandel – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=78063406

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