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DiSORDERUNIVERSE

Gedanken über Fußball

GEDANKEN ÜBER FUSSBALL

GEDANKEN ÜBER FUSSBALL

Die Rückrunde läuft

Mit dem 19. Spieltag der zweiten Bundesliga von Dienstag bis Donnerstag ist nun also die letzte deutsche Profiliga im Fußball aus dem Winterschlaf erwacht. Der Ball rollt wieder, der Rubel damit auch. Selten jedoch hat mich das so wenig interessiert wie in diesem Jahr. Ja, die ein oder andere Konferenz werde ich auch in der Rückrunde schauen. Die Spiele meines Lieblingsvereins werde ich größtenteils natürlich auch verfolgen. Und dennoch – die große Leidenschaft will sich irgendwie nicht mehr einstellen.

Ein spannendes Rennen

Da hilft es unter dem Strich nicht einmal, dass die Bundesliga in diesem Jahr nach schier endlosen, trostlosen Bayern-Meister-Jahren im Jahr 2020 endlich mal wieder ein zumindest jetzt noch spannendes Meisterschaftsrennen liefert.

Am Ende wird dann aber eben doch wieder der FC Bayern Meister – oder aber das Gesöff aus Leipzig. Eine Wahl zwischen Pest und Cholera.

Eine Entwicklung zum eigenen Nachteil

Der Fußball hat sich allein in den letzten zehn Jahren derart zu seinem Nachteil entwickelt, dass mir jede Leidenschaft nach und nach flöten ging. Endgültiger Sargnagel: Der unsägliche Videobeweis. Klarheit sollte er ins Spiel bringen, Fehlentscheidungen verhindern oder zumindest ihre Häufigkeit minimieren. Gelungen ist das nicht. Die Diskussionen um Entscheidungen haben sich lediglich verlagert – und sind dadurch noch unerträglicher geworden. Eine Fehlentscheidung im  schnellen Ablauf des Spiels kann man zumindest nach Abkühlen der Emotionen oft noch entschuldigen. Wird jedoch selbst nach Ansicht der zehnten Zeitlupe noch faalsch entschieden, fühlt man sich als Fan umso mehr hintergegagen.

Wahre Emotion bleibt auf der Strecke

Auf der Strecke bleibt hierbei vor allem die echte Emotion. Muss man nach jedem Treffer der eigenen Mannschaft nämlich erst einmal minutenlang warten, ehe der berechtigte Jubel ausbrechen darf, tötet das unter dem Strich jede Regung.

Jeder Furz unter dem Brennglas

Hinzu kommt die zunehmend hahnebüchend werdende Berichterstattung rund um das runde Leder. Jeder Mückenfurz wird inzwischen zur großen Story gepusht und in den Medien so lange breit getreten, dass sie einem zu den Ohren wieder rauskommt. Wird der Trainer entlassen? Kommt der und der Spieler? Gibt es zumindest Interesse an dem Spieler? Jedes Gerücht wird zum möglichen Transfer-Hammer aufgeblasen, bis er meist dann doch genau das tut, was Blasen nun mal am liebsten tun: Sie platzen.

Nichts als Floskeln

Wen interessiert diese ganze Spekulationsblase? Klatsch und Tratsch in jedem Interview, die selben, einstudierten Floskeln nach jedem Sieg und jeder Niederlagen. Die ewig gleichen Durchhalteparolen im Abstiegskampf, die ständige Euphoriebremse in Richtung Meisterschaft. Über die Jahre langweilt das und erinnert mitunter an das Treffen der dörflichen Waschweiber auf dem Marktplatz. Echte Informationen sind mehr als rar gesät – dafür wird sich über Gerüchte und Hörensagen das Maul zerrissen. Wer eine gewisse Intelligenz sein Eigen nennt, hält das schon bald im Kopf nicht mehr aus.

Kein RedBull, keine Telekom

Der Fußball – und damit der Fan – wird ausgebeutet und ausgequetscht bis zum Geht-Nicht-Mehr. An vorderster Front: Nicht nur die Funktionäre, sondern auch die, die über den Fußball berichten. Sie alle hängen am selben Tropf und fließen die Nährstoffe nicht ständig neu nach, ist der Hungertod nicht mehr weit. So lange der Fan seinen letzten Groschen dafür hergibt, trägt er in gewisser Weise auch selbst die Verantwortung dafür. Wer am Wochenende ausgeht und dabei literweise Wodka-RedBull in sich hineinschüttet, darf sich nicht wundern, wenn künstliche Konstrukte irgendwann Meistertitel gewinnen. Und wer sämtliche Mobil- und Internettarife noch immer bei der Telekom bucht, darf sich auch über einen Serienmeister von der Isar nicht wirklich aufregen.

Sendezeit will gefüllt sein

Die Berichterstatter sind dabei schon längst Opfer ihrer selbst geworden. Immer mehr Fußball im Fernsehen, immer mehr Sendezeit, die gefüllt werden muss. Kein Wunder, dass einem irgendwann die echten Themen ausgehen und jeder Kaugummi solange gekaut wird, bis er auch wirklich den letzten Geschmacksstoff verloren hat und im Grunde nur noch wie gebrauchter Autoreifen schmeckt.

Glaubwürdigkeit gleich Null

Auf gebrauchte Autoreifen in meinem Mund kann ich jedoch bestens verzichten. Es interessiert mich nicht, wenn Christian Streich zum wiederholten Male eine Pressekonferenz nutzt, um den verblüfften Journalisten die Welt zu erklären. Mich interessiert es auch nicht, ob Jürgen Klopp Vorsorge in seiner Werbung für spießig hält oder lieber mit einem Elektro-Corsa durch die engen Straßen Liverpools düst (wer‘s glaubt…?!).

Das Spiel als solches

Was mich interessiert ist das Spiel selbst – taktische Finessen, technische Kabinettstückchen und Spieler, die anecken. Spieler, die anders sind und nicht schon mit 17 so medial glattgeschliffen sind, dass sie kaum zu greifen sind. Mich interessiert das Gemeinschaftsgefühl, dass man beim Fußball auf den Stadionrängen so schnell wie nirgendwo sonst auf der Welt aufbauen kann. Mich interessieren, die gesellschaftlichen Einflüsse des Fußballs als Spiel der Massen. Mich interessiert mein Lieblingsverein – und das obwohl dieser zumindest im Laufe meines Lebens die Meisterschale ganz bestimmt nicht mehr gewinnen wird. Mich interessiert das Fußballspiel – das Drumherum kotzt mich inzwischen an.

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