Augenblicke

Streifzüge durch Stockholm

Seit vielen Jahren schon stand die schwedische Hauptstadt auf der Liste meiner noch zu besuchenden Orte dieser Welt ganz weit oben. Es musste also früher oder später soweit kommen, dass ich auf dem Weg nach Stockholm war. Was ich jedoch schnell merken sollte: Der Oktober war als Reisetermin nicht unbedingt klug gewählt. Die Gefahr, dass die Stadtbesichtigung vor allem im Regen stattfindet, ist in den nördlichen Regionen unseres Kontingents zu Herbstanfang doch relativ groß. Und schaute ich auf den Wetterbericht der vier Tage, die ich mir für meinen Besuch freigeräumt hatte: Er verhieß nicht wirklich Gutes.

Stockholm war leer

Unter dem Strich war das Wetter dann doch besser als zunächst befürchtet und über weite Strecken zumindest von oben trocken. Zudem brachte das Regnerische einen ganz anderen, nicht zu unterschätzenden Vorteil mit sich. Denn offensichtlich planen andere Leute ihre Urlaube dann doch etwas mehr nach allgemeiner Wetterlage als ich. Der Vorteil, der auch auf den Bildern durchaus auffallen könnte: Stockholm war leer. Wenig los in der schwedischen Hauptstadt. Die ein oder andere Touristenfamilie oder -gruppe war zwar natürloich trotzdem da und die Straßen schon aufgrund der rund 450.000 Menschen, die in Stockholm leben, nicht vollkommen leergefegt. Aber dennoch: Selbst die engen Gassen in Stockholms Altstadt Gamla Stan waren keineswegs überfüllt, sondern lediglich in einem wirklich erträglichen Maße mit Menschen gefüllt. Es gab Gassen und Wege, da begegnete ich im wahrsten Sinne des Wortes keiner menschlichen Seele.

Mit Bahn, Bus oder Taxi

Ansonsten muss man als Stockholm-Neuling noch wissen, dass man am Flughafen natürlich nicht gleich den erstbesten Hinweisschildern zu einem Expresszug in Richtung Innenstadt folgen sollte. Das ist ja aber in fast jeder Stadt mit auswärtigem Flughafen so. Während der Expresszug nämlich damit angibt, in etwas weniger als 20 Minuten am Hauptbahnhof in Stockholms Innenstadt zu sein, brauchen die Reisebusse von flygbussarna inklusive aller Stopps auch nur rund 15 Minuten mehr. Der Preisunterschied liegt dabei jedoch weit höher. Der Zug verlangt zur Mitfahrt fast 40,- Euro, der Bus nimmt den geneigten Reisenden schon für etwas weniger als 10,- Euro mit. Bucht man einen Flixbus früh genug und weiß genau, wann man den Transfer vollziehen möchte, geht dies bereits ab 3,90 Euro. Möget ihr alle nun selbst entscheiden, ob ein Zeitunterschied von rund 15 Minuten die Differenz von über 30,- Euro  gerechtfertigt. Wem es am Ende des Monats jedoch völlig egal ist, weil sowieso noch Geld auf dem Konto ist, der kann auch einfach das Taxi nehmen. Je nach Unternehmen blättert man da auch gerne mal 50,- Euro hin, braucht unter dem Strich aber dann doch mindestens genauso lang wie mit dem Bus.

Museen und Entertainment in Djurgarden

Die Innenstadt von Stockholm kann man dann bestens zu Fuß ablaufen. Gamla Stan ist mehr als sehenswert. Ein Stadtteil, der komplett auf einer kleinen Insel mitten in der Stadt liegt. Neben den vielen, pitoresken Altstadtgassen steht auf dieser Insel auch der schwedische Königspalast. Die Sehenswürdigkeiten der Innenstadt sind vom Palast aus in allen Richtungen innerhalb weniger Gehminuten bestens erreichbar. Nur wer nach Djurgarden will, weil er sich das Nordische, das Wikinger, das Naturkunde- oder auch das ABBA-Museum genauer ansehen möchte, muss mit ein paar Kilometern mehr auf dem Schrittzähler rechnen – oder fährt mit der Tram nach draußen. Auch der ständige Vergnügungspark Gröna Lund und die Kulturarena Zirkus befinden sich in Djurgarden.

Die Großbaustelle

Auf der anderen Seite der Stadt, direkt nachdem man Gamla Stan verlassen hat, findet man eine Art Wahrzeichen, auf das Stockholm nicht sonderlich stolz ist, das jedoch auch nur vorrübergehend so ziemlich jede Fahrt durch die Stadt behindert. Slussen heißt nichts anderes als »Schleuse« und ganz abgesehen davon, dass es sich tatsächlich um eine alte Schleuse handelt, ist das Gebiet auch rund um die Schleuse seit Jahrzehnten auch im übertragenden Sinne nichts anderes. Durch Schwedens zweitgrößten Verkehrsknotenpunkt schleusen sich tagtäglich fast 400.000 Menschen.

Der Knotenpunkt wird umgebaut

Der Umbau dieses Knotenpunktes, der fünf Metrolinien, eine Vorortbahn, etwa ein Dutzend Buslinien, sowie eine dreispurige Transversale des motorisierten Privatverkehrs bündelt, ist heute eine der größten Baustellen des europäischen Kontinents. Steht man vor dem Bretterzaun und wirft einen Blick über das Areal, kommt unweigerlich das Gefühl auf, die schwedischen Bauarbeiter stampfen hier gleich einen ganz neuen Stadtteil aus dem Boden. Begonnen haben die Bauarbeiten im Jahr 2016, dauern sollen sie noch bis ins Jahr 2023. Treffend steht auf einem der Bauzäune: »Wie sie in Stockholm am schnellsten für einen Einheimischen gehalten werden: Beschweren Sie sich über die Slussen-Baustelle.«

Gute Gründe für den Umbau

Dabei ist die Modernisierung zwischen den Stadtteilen Gamla Stan und Södermalm nicht nur aus verkehrstechnischer Sicht notwendig. Bei den vielen und vor allem verästerten Gewässern rund um die schwedische Hauptstadt übersieht man gerne, dass die alte Schleuse gleichzeitig Zugang zum Mälarensee ist – einem Süßwasser-See, der in etwa die doppelte Größe des Bodensees hat. Dieser See ist Trinkwasserreservoir für rund zwei Millionen Schweden. Überschwemmungen und Verunreinigungen des Sees durch Unwetter sollen durch die Modernisierung der Schleuse ebenso verhindert werden, wie das Eindringen von Salzwasser im Falle eines ansteigenden Meeresspiegels durch den Klimawandel. Noch liegt der Seespiegel rund 70 cm höher als der Meeresspiegel – doch wer weiß, wie lange noch?!

Die jungen Leute treffen sich in Södermalm

Hat man die Großbaustelle dann erst einmal überwunden, kann man es sich dafür in Södermalm gut gehen lassen. Wie heißt es so schön: Während die Touristen der Stadt in Gamla Stan nach echt schwedischem Flair suchen, feiern sich die Hipster rund um die Götgatan sich selbst. Die belebte Einkaufsstraße verwandelt sich am Abend in eine beliebte Ausgehmeile mit unzähligen Kneipen und Restaurants. Wer das junge Stockholm genauer kennenlernen möchte, sollte die Götgatan jedoch auch unbedingt verlassen und das Viertel in den vielen Seitenstraßen rund um die Renstiernas Gata näher erkunden.

Erklimmen Sie die Treppen!

Übrigens: Auch der Stadtteil Södermalm liegt – zusammen mit dem Stadtteil Hornstull – auf einer Insel. Vor allem die nördlichen Uferstraßen Söder Mälarstrand und Stadsgardsleden sind schon allein aufgrund des tollen Blickes auf die restliche Stadt einen Spaziergang wert. Und wenn Sie irgendwo eine Treppe entdecken: Zögern Sie nicht! Nehmen Sie die paar Stufen – der Ausblick wird sie für die kurze Anstrengung mehr als belohnen!

Moderne Fotografie im Fotografiska

Etwa auf der Hälfte der langen Stadsgardleden findet sich übrigens das Fotografiska – ein modernes Mitmachmuseum, dass sich voll und ganz der modernen Fotografie widmet und in dem fast alle zeitgenössischen Fotografen von Weltruhm schon ihre Ausstellungen hatten. Als Museum ebenfalls sehenswert ist das Museum der Nobelpreise in Gamla Stan. Hier kann man sich ganz der Geschichte der bekannten Auszeichnung widmen und eine Zeitreise durch 120 Jahre Erfindungen, Literatur und Krieg und Frieden antreten. Ebenfalls nicht verpassen sollte man einen kurzen Ausflug auf die Inseln Skeppsholmen und Kastellholmen. Ländliches Leben mitten in der großen Stadt. Das Holzhaus mit dem Volvo daneben – mehr Schweden geht kaum.

The Disorder

Weltinteressierter, offenaugiger, nachtneugieriger Individualmensch in glücklicher Zweierbeziehung, der Musik und Fotos macht, Bücher schreibt und Filme filmt.

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