Politik national

Die Macht des Wählers

Angst vor der Wahl

Nun haben sie also gewählt. Die Menschen in Brandenburg und Sachsen haben am Sonntag ihr Kreuz für die neuen Besetzungen ihrer Landesparlamente gemacht und noch nie seit der Wiedervereinigung wurden diese Kreuze so sehr gefürchtet wie an diesem 1. September 2019. Lebendige Demokratie könnte man fast meinen. Die Politik hat Respekt davor, wo der einfache Wähler sein Kreuz macht.

Ich hab nichts gemacht

Leider hat diese Furcht der Politiker mitnichten mit guter Demokratie zu tun. Vielmehr kamen mir die Damen und Herren von CDU, SPD, Grünen und Linken in den letzten Wochen und Monaten wie getriebene, kleine Kinder vor. Sie alle wussten, dass sie etwas angestellt hatten und fürchteten sich nun vor der Strafe. Auch, wenn es in diesem Falle ja eher umgekehrt war: Die Damen und Herren haben nämlich eben eher nichts getan und mussten im Wahlkampf nun feststellen: Mist, die Leute haben das gemerkt!

Ein sehr trauriger Jahrestag

Es ist ein sehr trauriger Fingerzeig der Geschichte, dass Deutschland sich ausgerechnet am Jahrestag des eigenen Überfalls auf Polen durch die Nazis wieder einer rechten Gefahr ausgesetzt sieht. Haben wir unserem Land wirklich so wenig gelernt, dass wir genau 80 Jahre nachdem unsere Vorfahren den größten Krieg der Menschheitsgeschichte begonnen haben, den geistigen Brandstiftern wieder Tür und Tor öffnen?

Das berühmte blaue Auge

Der Wahlabend hat gezeigt, wie hilflos unsere Spitzenpolitiker dieser Gefahr gegenüberstehen. Kaum waren die ersten Prognosen verhallt, seufzte ein unübhörbares Durchatmen durch sämtliche Parteien jenseits des rechten Spektrums. Das ist ja gerade nochmal gut gegangen, wurde da genauso verlautbahrt wie das berühmte blaue Auge, mit dem man davon gekommen sei.

Fast jeder Vierte wählt die AfD

Liebe Damen und Herren der ost- und gesamtdeutschen Politik: Gar nichts ist gut! Und es ist auch niemand mit irgendetwas davongekommen. Fast jeder vierte Wähler in Sachsen und Brandenburg hat sein Kreuz an diesem schwarzen Tag der deutschen Geschichte am rechten Rand gemacht. In Zahlen: 892.959 Wähler fanden keine bessere Alternative als die angebliche Alternative am rechten Rand. Das sind mehr Menschen als Frankfurt am Main Einwohner hat. Die SPD kam in Brandenburg und Sachsen zusammen mal gerade auf insgesamt 498.618 Wähler und selbst die CDU kommt – nimmt man Brandenburg und Sachsen zusammen – nur auf 892.483 Wähler. Und ja, so traurig das ist: Das sind 476 Wähler weniger als die AfD.

Nichts ist gut

Es komme mir nun also niemand mit »Alles wird gut« oder der fast schon nach Entschuldigung klingenden Erklärung des Protestwählers. Es ist vollkommen egal, warum ein Mensch sein Kreuz beim braunen Abschaum macht. Die Frage muss sein: Wie kriegt man diesen Menschen dazu, das Kreuz das nächste Mal nicht mehr dort zu machen?

Nur die Taten zählen

Und das geschieht mit Sicherheit nicht durch Sprüche oder gar Warnungen. Es geschieht auch nicht durch Appelle an Vernunft und Menschlichkeit. Es funktioniert allein durch Taten.

Die Menschen auf dem Land leiden

Die Damen und Herren Spitzenpolitiker müssen endlich etwas tun – nicht nur für die Menschen in den großen Städten. Potsdam, Leipzig und Dresden kommen klar – die Menschen in den entlegenen Regionen tun es nicht. Wenn der nächste Arzt seine Praxis fünfzig Kilometer entfernt vom eigenen Dorf hat, die Buslinie vor der eigenen Haustür aus Kostengründen nur zwei Mal in der Woche fährt und die Kinder zur nächsten Grundschule fast eine Stunde unterwegs sind, kann man sich schnell mal alleingelassen fühlen.

Nur eins hilft noch: Verbesserungen

Ihr, liebe Damen und Herren von CDU, SPD, Grünen und Linken, müsst nun möglichst schnell zeigen, dass ihr Lösungen für die Probleme der Menschen habt. Nur dann nämlich zeigt ihr, dass ihr die wahre Alternative seid und im Gegensatz zur AfD eben nicht nur polemisieren, laut rumposaunen und spalten könnt. Die Brandstifter rund um Herrn Gauland und Frau Weidel ziehen ihre einzige Existenzberechtigung daraus, dass die Dinge in unserem Land falsch laufen. Packen wir also an und verbessern wir dieses Land. Tun wir alles dafür, dass es allen Menschen in diesem Land gut geht und entziehen wir den rechten Dauermotzern damit die Daseinsgrundlage. Schlagen wir also praktischerweise gleich zwei Fliegen mit einer Klappe, indem es uns allen besser geht und kein Mensch mehr diesen menschenverachtenden Abschaum vom rechten Rand braucht.

Zweifel sind angesagt

Leider sind mir an diesem Wahlabend schon die ersten Zweifel gekommen, dass die Politik diesen Schritt in die richtige Richtung auch nur ansatzweise schafft. Die ersten Hochrechnungen waren keine zwei Minuten alt, da wurden schon wieder die selben Phrasen gedroschen wie an so vielen Wahlabenden. Vom Vertrauen der Wähler wurde gesprochen, von schwierigen Koalitionsgesprächen und Sondierungen in fast alle Richtungen.

Kein Verdienst der Politik

Nein, ein Verdienst der Politiker ist es wahrlich nicht, dass wir zumindest bis zur Wahl in Thüringen auch weiterhin kein Bundesland in Deutschland haben, in dem die Rechten das Sagen haben. Diese Tatsache haben wir ganz allein den intelligenten und wachsamen Wählern zu verdanken. Den Menschen in Brandenburg und Sachsen, die zur Wahlurne gegangen sind und mit ihrem Kreuz eben genau dieses Horrorszenario verhindert haben.

Über drei Millionen Nicht-AfD-Wähler

Denn ganz egal, ob die AfD an diesem Wahlabend nun die meisten Stimmen in beiden Ländern abbekommen hat oder nicht. Es gibt zum Glück noch immer fast drei Millionen Menschen in Brandenburg und Sachsen, die vernünftig und intelligent genug sind, ihr Kreuz nicht dort zu machen, wo es zum Helfer für rechte Parolen und Gewalt in unserem Land wird.

Foto: Olaf Kosinsky – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=57414679

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The Disorder

Weltinteressierter, offenaugiger, nachtneugieriger Individualmensch in glücklicher Zweierbeziehung, der Musik und Fotos macht, Bücher schreibt und Filme filmt.

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