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Ein monströses Meisterwerk

Album-Tracklist

  • 1. Insert Coin (1.39)
  • 2. Unsainted (4.21)
  • 3. Birth Of The Cruel (4.36)
  • 4. Death Because of Death (1.21)
  • 5. Nero Forte (5.15)
  • 6. Critical Darling (6.26)
  • 7. A Liar's Funeral (5.27)
  • 8. Red Flag (4.12)
  • 9. What's Next (0.54)
  • 10. Spiders (4.04)
  • 11. Orphan (6.02)
  • 12. My Pain (6.48)
  • 13. Not Long for This World (6.36)
  • 14. Solway Firth (5.56)

Gut Ding will Weile haben

Gerade in Sachen Musik gehöre ich mit Sicherheit nicht zu den Leuten, die ein vorschnelles Urteil fällen. Kunst will Weile haben, man muss ihr Raum geben, Luft zum Atmen. Das mag in schnelllebigen Zeiten wie unseren absurd klingen, doch vielleicht sind unsere Zeiten ja gerade deshalb so schnelllebig geworden. Wir haben verlernt zu verweilen, uns mit Dingen intensiv auseinander zu setzen. Wir sind schlicht und ergreifend oft ziemlich respektlos und vorschnell, wenn es darum geht, den kreativen Output anderer zu beurteilen.

Ausnahmefälle sind die Ausnahme

In Ausnahmefällen mag dies angebracht sein. Wenn die künstlerische Klasse nur gar zu offensichtlich fehlt. Oder das Ziel einer Veröffentlichung gar zu sehr in Richtung kommerzieller Interessen schielt. Sei es geschenkt.

Liebe auf den ersten Ton

Und dann gibt es natürlich noch die Platten oder Alben, mit denen man sich aus einem anderen Grund gar nicht länger beschäftigen muss. Es sind die Alben, die man eben nur einmal hören muss, um sie zu mögen. Geile Sache das Teil, ich höre es jetzt hoch und runter. Gesagt, getan, doch bei mir nicht selten auch einhergehend mit der Erkenntnis, dass es gerade die Alben sind, die sofort zu gefallen wissen, die man dann schon nach dem zehnten Durchlauf nicht mehr hören kann.

Wie ein guter Wein

Die wirklich guten Platten jedoch, die Platten, die man sich auch nach Jahren immer wieder gerne anhört – sie brauchen fast immer ihre Zeit. Zeit, die man investiert, für die man später aber auch belohnt wird. Denn gute Musik bereichert das Leben und – bämm, jetzt kommt der Holzhammer – das Leben ist zu kurz für schlechte Musik.

Musik, die das Leben bereichert

Das neue Album von Slipknot gehört definitiv zu der Art Musik, die das eigene Leben bereichert. Nicht umsonst steht die Besprechung von »We Are Not Your Kind« erst heute online und nicht bereits seit Erscheinungstag vor zwei Wochen. Zu viel gab und gibt es zu entdecken. Slipknot führen ihre Entwicklung weiter und haben die eigene musikalische Bandbreite noch einmal erweitert. War das Vorgänger-Album eine musikalische Trauer-Wut-Verarbeitung des viel zu frühen Tods von Bassist (und Songschreiber) Paul Grey, fröhnen die neun Herren auf »We Are Not Your Kind« nun ganz anderer Dämonen.

Neue Töne

Musikalisch hört man da Klänge, die man der Band aus Iowa noch vor wenigen Jahren nicht wirklich zugetraut hätte. Allen voran das groovige »Spiders«, das die Piano-Begleitung nicht nur im Intro zulässt und durchgehend in gemäßigtem Tempo daherkommt – inklusive jeder Menge elektronischer Effekte und Synths. Den Slipknot-Fan der ersten Stunde mag das beim ersten Hören abschrecken, doch wie bereits geschrieben: Gut Ding will Weile haben.

Absolute Kracher

Und natürlich gibt es auch auf dem neuen Slipknot-Album die absoluten Kracher. Die Hochtempo-Double-Bass-Taubmacher, die vom Geschrei, Gebrüll und Gegeifer von Frontmann Corey Taylor leben. »Orphan« ist so ein Song. Sechs Minuten volle Breitseite und in den Refrains eine Melodie, die sich wahrscheinlich nur mit einem qualvollen Exorzismus wieder aus dem Ohr entfernen lässt.

Dunkelheit mit Pop-Einflüssen

Hat man »Orphan« überlebt folgt mit »My Pain« die Düsternis in Songform – ohne die zeitweilig meandernden Keyboardtöne, die dem Ohr eine wahre Pop-Melodie kredenzen, wäre es an dieser Stelle des Albums derart stockfinster, dass man die Hand vor Augen nicht sehen würde.

Erweiterung statt Veränderung

Ein weiterer Anspieltipp ist »Nero Forte« – ganz einfach, weil es Slipknot – wie man Slipknot eben kennt – auf den Punkt bringen. Denn überhaupt muss ich an dieser Stelle ganz deutlich sagen: Bei aller Weiterentwicklung, bei allen Experimenten in Sachen Sound und Songstruktur – »We Are Not Your Kind« ist ein Slipknot-Album durch und durch. Die Band hat ihr Portfolio erweitert, aber nicht verändert. Das unterscheidet diese Band von anderen vermeintlich großen Bands. Wo andere mangels Inspiration und Kreativität die eigene Weiterentwicklung nur vorschieben und ihren Fans ungenießbare Brocken des eigenen Versagens vorwerfen, gehen Slipknot ihren Weg Schritt für Schritt – wohl überlegt und in kreativer Klarheit.

Ein Meilenstein

»We Are Not Your Kind« wird dabei als Meisterwerk und Meilenstein in die eigene Band-Historie eingehen und seinen Einfluss auf die Musik der härteren Gangart in den nächsten Jahren geltend machen. Was für ein verfickt geiles Teil von einem Album!

»We Are Not Your Kind« von Slipknot

Meine Wertung

Die Band aus Iowa erfindet sich nicht neu, erweitert das eigene Portfolio jedoch um entscheidende Schritte.

Stichworte

The Disorder

Weltinteressierter, offenaugiger, nachtneugieriger Individualmensch in glücklicher Zweierbeziehung, der Musik und Fotos macht, Bücher schreibt und Filme filmt.

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