Gesellschaft

Eine gute Sache

Der Berliner Senat und sein Mietendeckel

Der Mensch ist gierig

Es ist ja längst zur Binsenweisheit verkommen, dass Geld bekanntlich auf den größten Haufen scheißt. Und befasst man sich mit der anderen großen Frage der Menschheit, kommt man bei der Entscheidung, ob er nun gut sei oder böse, der Mensch, schnell zu der Erkenntnis: er ist vor allem gierig. Der Mensch kriegt den Hals nicht voll. Da kann der Brechreiz längst eingesetzt haben – der Mensch frisst weiter.

Geld fließt nur in eine Richtung

Bringt man diese beiden Tatsachen mit der Gier des Menschen und dem Geldscheißen auf den größten Haufen nun einmal zusammen, schwant dem gesunden Menschenverstand schon schnell nichts Gutes. Gier und Geldhaufen bedeuten unter dem Strich nämlich nur eines: Dass das Geld in großen Mengen nur in eine Richtung fließt und ein Mensch, der nicht gelernt hat, über den eigenen Horizont zu schauen, diesem Geldfluss freiwillig auch keinen Einhalt gebietet. Geld kann man schließlich nie genug haben – auch dann nicht, wenn man schon gar nicht mehr weiß, wofür man es noch ausgeben soll.

Der Mensch lässt sich anders nicht regulieren

Allein schon, um dieser unbäbdigen Gier einen Riegel vorzuschieben, ist der Mietenstopp, wie ihn der Berliner Senat nun plant, nicht nur notwendig, sondern auch richtig. Denn wer im Zusammenhang mit der Entwicklung der Mieten in Berlin und anderen – nicht nur deutschen – Großstädten noch immer von der Selbstregulierung des Marktes faselt, hat noch immer nicht verstanden, dass hinter jedem gierigen Markt immer auch ein gieriger Mensch steckt. Und so traurig, wie es ist: Diese Menschen lassen sich nicht anders regulieren. Hier auf Einsicht zu hoffen, wäre genauso vergebliche Liebesmühe wie der Versuch, Donald Trump den Klimawandel zu erklären.

Der Aufschrei ist natürlich groß

Und natürlich ist der Aufschrei in der Vermieterbranche groß. Wahre Horrorszenarien werden ausgemalt, Verhältnisse wie in der seligen DDR heraufbeschworen oder gar gleich der Untergang des Abendlandes. Der Turbo-Kapitalismus hat in den letzten Jahren jedoch derart Fahrt aufgenommen, dass einem als Otto Normalverdiener mitunter Hören und Sehen vergangen ist. Höher, schneller, weiter und natürlich teurer – etwas anderes scheint es seit vielen Jahren nicht zu geben. Egal, ob es die Immobilienbranche war oder die Automobilbauer: Was zählt ist der eigene Gewinn. Eventuelle Folgen kann man doch durch spätere Abschlagszahlungen wieder begradigen.

So geht es nicht weiter

Die ersten, die begriffen haben, dass man dem schnellen Euro der Kapitalmaximierung endlich Einhalt gebieten muss, waren unsere Kinder. Immer wieder freitags machen sie darauf aufmerksam, gehen auf die Straße und brüllen uns ins Gesicht: So geht es nicht weiter. Leider haben die »Fridays For Future«-Demonstrationen bis auf unzählige Diskussionen noch nicht viel ausgelöst. Natürlich kann man sagen – na, immerhin wird darüber gesprochen.

Ein Ausrufezeichen des Berliner Senats

Dennoch war und ist es dringend an der Zeit, dass ein Signal auch mal aus der Politik kommt. Statt den Lobbyisten wie unsere Bundesregierung immer tiefer in den Hintern zu kriechen, kommt vom Berliner Senat ein starkes Ausrufezeichen. Den Reichsten der Reichen endlich mal einen Riegel vorschieben, der Ausuferung eine Ufermauer in den Weg bauen. Ich finde das gut!

Die armen Enkel

Sollen sie heulen, die Vermieterverbände, sollen sie mit der Totschlagkeule der kaputtgehenden Arbeitsplätze kommen. Man kennt die Mechanismen inzwischen nur zu gut und sieht am Ende doch immer, das nichts so heiß gekocht wird, wie es gegessen wird. Und es ist doch auch klar: Steht da am Ende des Jahres nur noch ein Plus von 1,5 Milliarden Euro und nicht mehr die aus den letzten Jahren gewohnten zwei Milliarden, kann man schon mal ins Grübeln kommen, wovon die armen Enkel denn später mal leben sollen…

Aus dem Keller kommen die Wissenschaftler

Zu den Reflexen nach drastischen Maßnahmen gehören auch die Wissenschaftler und Gutachter, die dann plötzlich wie die Kellerasseln ans Licht der Öffentlichkeit gespült werden und schon mal ausgerechnet haben, was ein Mietenstopp für das Zusammenleben auf unserem Planeten im Jahr 2087 bedeutet. Äh, wie bitte? Wir wissen doch noch nicht einmal sicher, was in fünf Jahren passieren wird, wenn der Mietendeckel wieder gehoben werden soll.

Gut Ding will Weile haben

Mir persönlich ist das im Moment jedoch auch noch ziemlich egal. Was zählt, ist die Tatsache, dass endlich mal etwas getan wird. Politiker, die aktiv werden – eine Spezies, die mir bereits ausgestorben schien. Schon allein diese Gewissheit, dass es sie noch gibt, ist für mich erst einmal freudige Überraschung genug. Dem Otto Normalbürger wird Zeit zum Durchatmen verschafft und genau das ist es, was im Moment mal zählt. Möge sich der Markt doch nun in den kommenden fünf Jahren endlich mal selbst regulieren. Vielleicht führt das ja sogar dazu, das eben nicht mehr tausende Wohnungen in den Innenstädten leer stehen, weil ihre russischen und chinesischen Besitzer diese lieber als einmal im Jahr für zwei Wochen genutztes Spekulationsobjekt sehen.

Wohnen darf nicht zu finanziellem Ruin führen

Natürlich weiß ich auch, dass es genau diese Neureichen sind, denen ein Mietstopp am Ende am wenigsten weg tut. Doch vielleicht hilft ja allein das Signal schon, dass man eben auch als schwerreicher Investor nicht einfach tun und lassen kann, was man gerade will. Eine Wohnung darf kein Spekulationsobjekt sein. Eine Wohnung ist das Dach überm Kopf, sie ist Grundrecht. Jeder Mensch muss das Recht auf eine Wohnung haben, die bezahlbar ist und bleibt. Wohnen darf nicht in den finanziellen Ruin führen. Wenn wir Normalverdiener uns das Wohnen nicht mehr leisten können, geht die Gesellschaft endgültig den Bach runter.

Viele Fragen offen

Mit Fug und Recht kann man an dieser Stelle also erst einmal sagen: Lieber Berliner Senat, du hast sehr viel richtg gemacht! Was die Zukunft bringt, bringt eben die Zukunft und wir werden es dann schon sehen. Viele Fragen sind noch offen – an erster Stelle natürlich die Frage: Darf der Senat das überhaupt? Oder wäre ein Mietenstopp eher eine Sache des Bundes? Das werden am Ende wohl die juristischen Instanzen klären müssen und selbst, wenn die ganze Geschichte irgendwann dann doch noch gestoppt wird: Der Anfang ist gemacht. Es werden endlich die richtigen Fragen gestellt – nänmlich die, wie ein erster Schritt in die richtige Richtung gemacht werden kann.

Wachstum ist endlich

Ein erster Schritt in die richtige Richtung muss geschehen, um den Gelddruckmaschinen der Superreichen endlich mal zu zeigen, dass Wachstum nur auf Kosten anderer möglich und somit endlich ist. Denn wenn die, an denen sich bereichert wird, irgendwann kein Geld mehr haben, wie in aller Welt soll all der Wucher denn dann noch bezahlt werden?

Weniger ist manchmal mehr. Das haben wir in der Mittelschicht in den letzten Jahren des Öfteren lernen müssen und hier und dort unsere Einsparungen machen müssen. Es geht uns damit noch immer sehr viel besser, als all jenen Millionen von Menschen, die am Südende der Gesellschaft stehen.

Die Ressourcen sind begrenzt

Doch gerade deshalb wird es höchste Zeit, dass auch die, die über scheinbar unbegrenzte Möglichkeiten verfügen, endlich lernen, dass eben nichts auf unserem Planeten unbegrenzt oder unendlich zur Verfügung steht. Denn erst, wenn die Superreichen dies gelernt haben, kann am Ende vielleicht sogar eine Greta Thunberg und ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter irgendwann dastehen, zurückschauen und sich sagen: Meine Schulstreiks haben ja doch etwas gebracht.

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The Disorder

Weltinteressierter, offenaugiger, nachtneugieriger Individualmensch in glücklicher Zweierbeziehung, der Musik und Fotos macht, Bücher schreibt und Filme filmt.

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