Fußball international

Ein Tritt in den eigenen Hintern

Saudi-Arabien will Weltmeister werden

Die eigene Seele wird verkauft

Es ist schon längst kein Geheimnis mehr, dass der Fußball in den letzten Jahren in zunehmender Geschwindigkeit seine Seele verkauft. Topstars wechseln ihre Vereine schneller als ihre Luxuskarossen fahren können, Ablösesummen steigen in Höhen, die mit normalem Menschenverstand nicht mehr zu begreife sind und jeder 17-Jährige wird als kommender Superstar in den Himmel gelobt, nur weil er mal zwei gute Spiele nacheinander abgeliefert hat. Gesund ist das Alles schon lange nicht mehr. Verträge sind das Papier längst nicht mehr wert, auf dem sie stehen und der Pathos, der bei so manchem Spielerwechsel vorgespielt wird, bewirkt beim Fußballfan alter Schule inzwischen nur noch eins: Brechreiz.

Das Platzen der Blase

Nicht wenige Experten prophezeien deshalb nicht erst in den letzten Jahren einen baldigen Kollaps der Blase Fußball. Nicht wenige dieser Experten haben deshalb erst in der letzten Woche aufgehorcht, als ausgerechnet aus Italien, dem einstigen Vorreiter des künstlich-überzüchteten Fußballs, die Meldung kam, dass die Ausschreibung der TV-Rechte von Verbandsseite gestoppt wurde – einfach, weil keine Fernsehanstalt bereit war, auch nur die Mindestvorgabe des italienischen Fußballverbandes zu bezahlen. Zumindest was diesen Bereich der Fußballvermarktung angeht, scheint so etwas wie das erste Ende einer Fahnenstange erreicht.

Das Geld sitzt im Osten

Keinerlei Grenzen scheint es zu geben in Sachen Geld, das von außen in den Fußball strömt. Die wirklich reichen Menschen dieser Erde sitzen schon lange nicht mehr in Europa oder Amerika (wo sich das Interesse am europäischen Fußball ja ohnehin seit jeher in Grenzen hält). Das wirkliche Geld sitzt inzwischen dort, wo die Männer, die es besitzen, es gewohnt sind, sich mit ihren Reichtümern alles kaufen zu können – ganz egal, ob es sich für sie am Ende rechnet oder nicht.

»La Liga« toppt den DFB

Mitunter nimmt das dann gerne skurrile Züge an. So wie es dieses Wochenende in Spanien geschehen ist. Wer der Meinung ist, dass der Deal des DFB mit einer in der Regionalliga startenden chinesischen Jugend-Nationalmannschaft schon selten realitätsfern ist, wird sich kopfschüttelnd die Augen gerieben haben, als am letzten Wochenende neun Vereine aus der »La Liga« ihre aktuellen Neuzugänge präsentierten – allesamt aus Saudi-Arabien.

Sie wundern sich, dass es in Saudi-Arabien Fußballer gibt, die in der stärksten Fußballiga der Welt mithalten können? Nun, Sie sind nicht allein. Und vor allem: Ihre Bedenken sind mehr als berechtigt. Die jungen Männer aus dem saudischen Königreich sind zwar alle im besten Fußballalter, doch ihre Fähigkeiten rund um das Leder genügen dennoch maximal den Ansprüchen einer deutschen Regionalliga.

Eine WM-Teilnahme winkt

Was die Männer im Gegensatz zu deutschen Regionalligaspielern jeodch haben: einen saudischen Pass – und damit das große Glück, im Sommer an einer WM-Endrunde teilnehmen zu dürfen. Eine WM-Endrunde, für die die Verbandsspitzen in Saudi-Arabien offensichtlich das Schlimmste befürchten – und zwar trotz nicht gerade namhafter Gegner in Vorrundengruppe A. Hier warten nämlich – neben Gruppen-Favorit Uruguay –  »nur« Russland und Ägypten auf die Königskicker.

Um am Ende – wie schon zuletzt 2002 – nicht wieder sang- und klanglos aus dem Turnier auszuscheiden, muss einer der vielen, mächtigen und vor allem reichen Scheichs nun eine blendende Idee gehabt haben. Man schickt die eigenen Leute einfach nach Spanien in die Lehre. Und wer sich tagtäglich mit den Besten misst, bei dem dürfte dann auch ein halbes Jahr Ausbildung definitiv reichen.

Alle auf der Tribüne

Den spanischen Clubs dürfte es (fast) egal sein. Sie müssen weder eine Ablöse an die saudischen Clubs zahlen, deren Spieler gerade mitten aus der landeseigenen Meisterschaft gerissen werden, noch müssen die Spanier für das Gehalt der jungen Spieler aufkommen. All dies wird weiterhin aus saudischen Geldquellen bezahlt. Was tut man nicht alles, um den eigenen Spielern Spielpraxis in der stärksten Liga der Welt zu verschaffen. Allein: Es darf bezweifelt werden, dass es dazu kommt. Eine Einsatzgarantie ist jedenfalls nicht Teil des Deals und die Tatsache, dass die neun saudischen Fußballer an ihrem ersten Wochenende in Spanien allesamt nur auf der Tribüne saßen und es keiner von ihnen auch nur in den Kader ihrer neuen Vereine geschafft hat, lässt befürchten, dass der Schuss nach hinten losgeht. Statt Erfahrungen zu sammeln, kommen die jungen Herren eher außer Übung.

Eine Wahl hatten die neun saudischen Nationalspieler übrigens nicht. Man muss nur bis drei zählen können, um zu wissen, was aus dem Traum Russland-WM geworden wäre, hätten die jungen Männer sich geweigert, um lieber in der eigenen Liga weiter um die Meisterschaft zu kicken.

Die optimale Vorbereitung

So sitzt nun die halbe Nationalmannschaft Saudi-Arabiens für den Rest der Rückrunde bei irgendwelchen »La Liga«-Spielen in Spanien auf den Tribünen und kann sich schon einmal anschauen, wie ihr im Juni dann die Bälle um die Ohren fliegen werden. Das nennt man dann wohl optimale Vorbereitung.

Manchmal wünscht man sich, man könne die Scheichs mir ihren Ölmilliarden genauso leicht mit einer simplen Tibetfahne zur Vernunft bringen, wie ihre chinesischen Amtskollegen. Das Achtelfinale der WM in Russland wird jedoch ebenso wenig mit Saudi-Arabien stattfinden, wie das Achtelfinale in vier Jahren ohne Gastgeber Katar.

Kommt irgendwann die Einsicht?

Fußballerische Verbesserungen kann man sich heutzutage – über sinnvolle Investitionen im Nachwuchsbereich und internationale, erfahrene Trainer – durchaus erkaufen. Ohne halbwegs kluge Vorgehensweise nutzen jedoch auch unzählige Milliarden US-Dollar auf dem Konto nichts. Für die europäischen Vereine ist dies allerdings durchaus ein Problem. Denn irgendwann wird auch der letzte Scheich und der hintertupfigste chinesische Funktionär auf den Trichter kommen, dass es wenig bringt, das Geld mit beiden Händen aus dem Fenster zu werfen. Die Herren werden Strategien entwickeln und das Geld lieber in den eigenen Markt investieren, statt es nach Europa fließen zu lassen. In Europa jedoch wird ohne das große Geld aus dem Nahen Osten und dem fernen China schon sehr bald das Ende der nächsten Fahnenstange erreicht sein.

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The Disorder

Weltinteressierter, offenaugiger, nachtneugieriger Individualmensch in glücklicher Zweierbeziehung, der Musik und Fotos macht, Bücher schreibt und Filme filmt.

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