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In den Bergen wartet der Tod

Die spannende Serie "Der Pass" bei Sky

Gesprächsstoff für die Mittagspause

Wir wollten es ja zunächst nicht so recht glauben, doch inzwischen muss man es dem US-Konzern uneingeschränkt zugestehen: Netflix hat auch in Deutschland den Fernsehmarkt gehörig durcheinander gewirbelt. Vor allem die Art und Weise, wie wir uns heute TV-Serien ansehen, hat sich in den letzten Jahren grundlegend geändert. Trugen wir den Cliffhanger der letzten Folgen früher eine Woche mit uns herum und nutzen ihn mitunter sogar als Gesprächsstoff für die Mittagspause, schlagen wir uns heute die Nächte um die Ohren. »Ach, eine Folge geht noch«, sagt man sich gerne und vergisst oder verdrängt gar den frühmorgendlichen Wecker, der schon in wenigen Stunden schrillen wird.

Andere ziehen nach

Angespornt – oder soll man besser sagen gezwungen? – durch die neue und stärker werdende Konkurrenz, hat sich auch Bezahlsender Sky neben Sport und Filmen inzwischen ein drittes Standbein geschaffen und ist auf den Serienzug aufgesprungen.

Eigenproduktionen sind das Maß der Dinge

Und da man der auch zahlenmäßig wachsenden Konkurrenz nicht nachstehen möchte, produziert man inzwischen eben auch selbst. Die Winter-Mystery-Thriller-Serie »Fortitude« und das Rache-Drama »Tin Star« mit Tim Roth in der Hauptrolle wurden dabei noch von der englischen Konzernmutter aus England produziert. Bei »Babylon Berlin« saß man mit mehreren Partnern in einem Boot – genauso bei »4Blocks«. Und da der Markt es offensichtlich verlangt, ging es in den letzten Monaten Schlag auf Schlag mit den Eigenproduktionen. Erst im November lief die aufwendige Neuverfilmung von »Das Boot« vom Stapel.

Ein ungleiches Ermittlerpaar

Neuester Streich im Hause Sky: »Der Pass«. Julia Jentsch und Nicholas Ofzcarek spielen hier ein ungleiches Ermittlerpaar, das zur Zusammenarbeit praktisch gezwungen wird. Denn auf einem Pass zwischen Deutschland und Österreich wird eine übel zugerichtete und sorgsam inszenierte Leiche gefunden – genau auf der Grenze. Der Oberkörper liegt in Österreich und fällt damit in den Zuständigkeitsbereich von Gedeon Winter (Nicholas Ofzcarek), die andere Hälfte des toten Körpers liegt in Deutschland und wäre somit Sache der deutschen Polizei.

Kommt mir irgendwie bekannt vor…

Wem das Ausgangsszenario an dieser Stelle irgendwie bekannt vorkommt: Richtig! Schon im Jahre 2011 nutze die schwedisch-dänisch-deutsche Serie »Die Brücke« die Ausgangslage einer auf der Grenze zwischen Schweden und Dänemark liegenden Leiche zur Zusammenarbeit zweier sehr unterschiedlicher Kriminalbeamter. Nicht nur ähnlich, sondern fast identisch war es in der Serie »Der Tunnel« von 2014, nur dass der Tote dieses Mal im Eurotunnel zwischen England und Frankreich gefunden wurde.

Eine Frage kommt auf

Fast unweigerlich musste im Vorfeld also die Frage aufkommen: Warum nun dieser erneute Abklatsch derselben Geschichte?

Nun, die Antwort ist schnell gefunden und liegt in diesem Fall wirklich auf der Betonung des Wortes Geschichte. Während »Die Brücke«, »Der Tunnel« und diverse andere Ableger stets die gleiche Geschichte für unterschiedliche Märkte erzählen, hat »Der Pass« seine ganz eigene Geschichte, die allein den Ausgangspunkt aufgreift. Schnell wird klar, dass der weitere Verlauf in eine andere Richtung steuert und maximal beim Weltverbesserungsmotiv des Täters die Originale noch einmal zitiert.

Abgründe der menschlichen Seele

Der Rest wird bestimmt von einer Sogwirkung, die vor allem durch die beiden Hauptfiguren und ihre offensichtlich vorhandenen, aber keineswegs auf dem Silbertablett präsentierten Seelenabgründe entsteht. Vor dem Hintergrund einsamer, tief verschneiter Alpentäler wird dies umso deutlicher, denn sowohl Gedeon Winter (Nicholas Ofzcarek) als auch Ellie Stocker (Julia Jentsch) kämpfen mit einer tief innewohnenden Einsamkeit. Da sie diesen Kampf mit sehr unterschiedlichen Mitteln ausfechten, passt das Ermittlerteam zunächst wie Faust aufs Auge.

Und dann der Mörder

Denn irgendwo in diesen sonst oft so idyllisch wirkenden Tälern gibt es schließlich diesen einen Menschen, dessen Abgründe noch sehr viel tiefer sind als die ihn umgebenden Alpen. Denn wie in jeder guten Serie bleibt der Tote vom Pass natürlich nicht das letzte Opfer und umso tiefer sich die beiden ermittelnden Beamten in die Täler des Täterseele begeben, desto mehr verschwimmen die Grenzen zwischen Jägern und Gejagten.

Nicht zu viel verraten

Und obwohl man in den acht Folgen der ersten Staffel doch recht schnell weiß, wer der Täter ist, hält das Skript immer wieder Wendung parat, die den Zuschauer bis zum Schluss Fingernägel kauend vor dem Fernseher halten. Denn ohne zu viel zu verraten: Am Ende ist dann doch Vieles nicht so, wie es zunächst scheint und der ganze Plan des Psychopathen noch sehr viel perfider als über lange Strecken anzunehmen. Einen solchen, der Welt entrückten Menschen dingfest zu machen, erfordert mitunter einen Einsatz, den wahrscheinlich nur Wenige bereit wären, zu zahlen.

Ein hohes Niveau

»Der Pass« ist spannende, fesselnde Unterhaltung auf allerhöchstem Niveau. Getragen von einem herausragenden Ensemble ziehen Julia Jentsch und Nicholas Ofzcarek sämtliche Register der Schauspielkunst. Wir dürfen Netflix also nicht nur dankbar sein, dass wir uns inzwischen nicht mehr tagelang mit einem Cliffhanger durchs Leben quälen müssen. Der US-Dienst hat zudem erheblich dazu beigetragen, das Niveau auf den Bildschirmen anzuheben. Serien- und Kinoproduktionen sind inzwischen nur noch an ihrer Erzählweise zu unterscheiden und nicht mehr an ihrer Qualität.

Nehmen Sie sich frei

Sky hat mit »Der Pass« gezeigt, dass man auf diesem Niveau mithalten kann und als Fernsehzuschauer darf man gespannt sein, wohin die Reise noch geht. Empfohlen sei dem geneigten Zuseher an dieser Stelle nur: Schauen Sie sich »Der Pass« nur dann an, wenn am nächsten Morgen vielleicht ausnahmsweise mal nicht der Wecker klingelt.

Foto: Screenshot Offizieller Trailer »Der Pass« (c) Sky 2019

»Der Pass« - TV-Thriller-Serie auf Sky

Meine Wertung

Tiefgründiger Thriller vor großartigem Panorama, der sich auch vor US-Konkurrenz nicht verstecken muss.

User Rating: 4.7 ( 1 votes)
Stichworte

The Disorder

Weltinteressierter, offenaugiger, nachtneugieriger Individualmensch in glücklicher Zweierbeziehung, der Musik und Fotos macht, Bücher schreibt und Filme filmt.

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