Gesellschaft

Ein verlorener Ort

Berlin in Not

Ende des 19. Jahrhunderts hatte Berlin ein Problem. Die Hauptstadt war krank. Die Tuberkulose hatte sich ausgebreitet und vor allem die jungen Männer im wehrfähigen Alter befallen. Untersuchungen zeigten, dass mehr als die Hälfte aller 20 bis 24-jährigen Männer mit den auslösenden Bakterien infiziert waren. Der Kaiser vernahm es mit Schrecken und sah die Wehrfähigkeit seines Landes in Gefahr.

Gute Luft soll helfen

Ein Medikament gegen die damals noch »Schwindsucht« genannte Krankheit gab es noch nicht und so mussten eben andere Maßnahmen ergriffen werden. Die eigene Bevölkerung musste wieder gesund werden. Gelingen sollte dies im Zeitalter der aufkommenden Industrialisierung und der entsprechend schlechten Luft eben genau durch das Gegenteil. Frische Luft sollte es richten – gepaart mit Erholung und guter Ernährung.

Über tausend Betten

Geschehen sollte dies alles vor den Toren Berlins, etwa 50 Kilometer südlich, unweit der Kleinstadt Beelitz. In wenigen Jahren entstanden hier mitten im Nirgendwo ab 1898 die Heilstätten. Ein modernes Pflegezentrum, bis ins Detail durchgeplant und mit unzähligen Innovationen versehen. Das Beste war gerade gut genug, um das eigene Volk wieder gesund zu machen. Auf einem Areal von etwa 200 Hektar entstand ein Ensemble von 60 Gebäuden, dessen Bettelzahl in einer zweiten Bauphase zwischen 1908 und 1910 von 600 Betten auf 1.200 Betten erweitert wurde.

Das große Los

Wer in Berlin lebte und von der Landesversicherungsanstalt zur Heilung nach Beelitz geschickt wurde, hatte so etwas wie den Hauptgewinn gezogen. Bis zu acht Monate dauerte die Kur, für die die Versicherung die vollen Kosten übernahm. Ein Luxus, den sich der normale Arbeiter zur damaligen Zeit nicht hätte leisten können. Die Einrichtung war ein voller Erfolg und galt als modernste Erhokungsstätte nicht nur deutschlandweit. Über 80 Prozent der Tuberkulose-Kranken konnten Beelitz nach erfolgter Therapie geheilt und erholt wieder verlassen und an den ursprünglichen Arbeitsplatz zurückkehren.

Nutzung als Militärhospital

Im ersten und zweiten Weltkrieg dienten die Heilstätten als Lazarett und Sanatorium für verwundete und erkrankte Soldaten. In Spitzenzeiten erholten sich hier bis zu 17.500 Verwundete und Verletzte. Nachdem die Heilsätten im Laufe des zweiten Weltkriegs z.T. schwer beschädigt wurden, bauten die Russen diese wieder auf. Bis 1994 dienten sie der Roten Armee als größtes Militärhospital außerhalb der sowjetischen bzw. russischen Landesgrenzen.

Dem Verfall überlassen

Nach Abzug der russischen Armee ging das Eigentum der Heilstätten wieder an die Landesversicherungsanstalt über bzw. an deren Nachfolger, die Rentenversicherung. Diese veräußerte das Gelände zunächst an einen Investor, der jedoch 2001 Insolvenz anmelden musste. Seitdem war die weitere Nutzung des inzwischen unter Denkmalschutz stehenden Areals über lange Zeiten unklar. Erst als man im zweiten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends merkte, dass man auch mit Ruinen Touristen anlocken konnte, kam wieder Bewegung in den Nutzungsprozess.

Nutzung als Filmkulisse

In der Zwischenzeit wurden die mehr und mehr verfallenen Gebäude gerne auch als Filmkulisse genutzt. Bekannteste Produktion, die die Heilstätten als Kulisse nutzten ist hierbei mit Sicherheit »Operation Walküre« von Tom Cruise. Aber auch die Filme »Men And Chicken« (mit Mads Mikkelsen) und Gore Verbinskis »A Cure For Wellness« entstanden in den Heilstätten. 2012 nutzte die deutsche Band Rammstein das Gelände für den Videodreh zum Song »Mein Herz brennt«.

Auch Ruinen bringen Touristen

2015 eröffnete auf dem Gelände der ehemaligen Frauen-Lungenheilstätte ein 320 Meter langer Baumkronenpfad. Über diesen hat man die Möglichkeit, von oben in einige der inzwischen dachlosen und von Natur überwucherten Ruinen hineinzusehen. Einige Gebäude der Heilstätten kann man heute mit geschulten Guides auch wieder betreten und die Atmosphäre der verlassenen Gebäude auf sich wirken lassen.

Ein Investor baut eine Kleinstadt

Anders sieht es auf der anderen Seite der Bahnlinie aus. Das Sanatorium wurde inzwischen vollständig wieder von einem Investor aufgekauft. Die ersten Häuser des Sanatoriums werden gerade wieder instand gesetzt und sollen später als Wohnhäuser bezogen werden können. Mit dem an das Sanatorium anschließenden Bauland soll hier in den nächsten Jahren eine ganze Kleinstadt entsteht. Die Einwohnerzahl des Beelitzer Ortsteils soll dann von heute rund 500 Einwohnern auf drei bis viertausend Einwohner ansteigen. Vom unheimlichen Flair der verlassenen Gebäude wird dann wohl wenig übrig bleiben.

Nur noch bis Anfang Dezember

Da die Bauarbeiten im Jahr 2019 beginnen sollen, bieten die letzten Monate des Jahres 2018 damit wohl die letzte Gelegenheit, die Heilstätten im jetzigen Zustand zu bestaunen. Um die Möglichkeit zu haben, auch mal hinter die Bauzäune und Absperrungen zu kommen und das ein oder andere Gebäude sogar betreten zu können, ist eine Führung dringend zu empfehlen. Der »Mottenausflug« von Irene Krause bringt einem das Sanatoriumsgelände besonders lebhaft nahe. Frau Krause hat sich selbst über die Jahre zu einer wahren Expertin über die Heilstätten gemacht und lockert ihren Vortrag stets mit heiteren Anektdoten auf. Bis Anfang Dezember bietet Frau Krause ihre Führung noch an fünf Terminen an [–> Termine hier]. Der Unkostenbeitrag liegt bei 5,- Euro pro Person und sind in jedem Fall sehr gut investiert.

Potsdam auf fränkisch

Die aus Oberfranken stammende Gästeführerin bietet neben dem »Mottenausflug« durch die Heilstätten übrigens auch eine Führung durch Potsdam – und zwar »Für Franken auf fränkisch«. Alle Infos dazu finden sich auf www.potsdamurlaub.de.

Weitere Bilder aus Beelitz: Heruntergekommene Heilstätten

 

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The Disorder

Weltinteressierter, offenaugiger, nachtneugieriger Individualmensch in glücklicher Zweierbeziehung, der Musik und Fotos macht, Bücher schreibt und Filme filmt.

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