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Warum kennt eigentlich niemand Kellermensch?

Diese Band hätte definitiv mehr Publikum verdient

Johhny Cash lebt

Es beginnt mit einem einsamen Mann und seiner Gitarre. Für die ersten Akkorde könnte man denken Johnny Cash sei von den Toten auferstanden. Da steht einer, der hat was zu erzählen. Jemand, dem das, was er dort singt, zu Herzen geht. Der Opener »How To Get By« zieht das Publikum schnell in seinen Bann. Und man ist besorgt: Sänger Sebastian Wolff trägt eine Aura um sich, dass die kleine Bühne im Berliner »Musik und Frieden« schon für ihn allein fast zu klein scheint. Und da sollen nun auch noch sechs weitere Mitstreiter Platz finden?

Es wird eng auf der Bühne

Schon der nächste Song zeigt: Es wird in der Tat eng auf der Bühne. Denn bei aller Dunkelheit, die schon der Bandname suggeriert – Kellermensch legen ordentlich los. Entsprechend fordern die einzelnen Bandmitglieder ihren Platz ein. Bassist Claudio Suez stakst in seinem rosafarbenen Hemd und den Hochwasser-Hosen wie ein ortsansässiger Hipster über die Bühne und rennt alles in Grund und Boden, was ihm in den Weg kommt. Dabei trägt er seinen E-Bass fast aufreizend uncool direkt vor der Brust. Und während am Rand Gitarre, Geige, Kontrabass, Orgel und Schlagzeug um jeden Zentimeter Platz ringen, macht Wolff am vorderen Rand der Bühne schnell klar, wer hier in Sachen Platz der Hirsch auf der Bühne ist.

Gebt den Jungs die großen Bühnen

Sehr schnell ist man geneigt für Kellermensch eine größere Bühne zu fordern. Diese sieben Herren würden auch die größte Festivalbühne problemlos füllen und die Wucht ihrer Songs selbst auf großen Infields bis in die letzten Reihen begeistern.

»Goliath« ist ein großes Album

Musikalisch bewegt sich das Ganze bei dem Septett irgendwo zwischen ProgRock und ArtMetal. Die Brüche sind es, die auch das aktuelle Album »Goliath« schon zu einem absoluten Höhepunkt der 2017er Album-Veröffentlichungen werden ließ. Auch die Besetzung zeugt von diesen Brüchen. Warum sonst sollte dort auf der Bühne ein Kontrabass stehen, wenn man auf den sonst üblichen E-Bass im Line-Up nicht verzichtet?

Kellermensch klingen wie Kellermenschen

Die Brüche und damit die Abwechselung machen den Gig im kleinen »Musik und Frieden« am Schlesischen Tor zu einem Rock-Konzert der Extraklasse. Diese Jungs wissen, wie man bei aller getragenen Dunkelheit unterhält. Denn auch, wenn man sich mit der genauen Defintion der kellermenschlichen Musik gerade aufgrund ihrer Stilbrüche etwas schwer tut, eines bleibt: Der Bandname ist Programm. Die Songs von Kellermensch klingen wie die Songs eines Kellermenschen.

Warum kennt diese Band noch niemand?

Dunkel, sensibel, manchmal getragen, melancholisch – direkt ins Schwarze getroffen. Wer beim Bandnamen und einem Frontmann mit Namen Sebastian Wolff nun jedoch auf eine deutsche Herkunft tippt, der irrt. Kellermensch kommen aus Dänemark und wurden bereits 2006 in der Kleinstadt Esbjerg gegründet. Zwölf Jahre sind die Dänen inzwischen also in Sachen Musik unterwegs. Und wer die Band am Dienstag in Kreuzberg erlebt hat, wird sich nach schweißtreibenden neunzig Minuten am Kopf kratzen und sich fragen: Warum kennt die eigentlich noch fast niemand?

Kellermensch im »Musik und Frieden« in Berlin

Meine Wertung

Dunkel, sensibel, geheimnisvoll und immer wieder mit Stilbrüchen. Kellermensch gehören auf die großen Bühnen dieser Welt.

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Stichworte

The Disorder

Weltinteressierter, offenaugiger, nachtneugieriger Individualmensch in glücklicher Zweierbeziehung, der Musik und Fotos macht, Bücher schreibt und Filme filmt.

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