Live

Schnappschüsse vom Holy Ground

Es war wieder Wacken

Ausnahmezustand im hohen Norden

Einmal im Jahr ist Ausnahmezustand angesagt. Ausnahmezustand in der schleswig-holsteinischen Pampa, wo sich sonst Hase und Igel eine gute Nacht wünschen. Es ist Wacken Open Air, der Holy Ground erwacht zum Leben. 80.000 Metal-Fans aus der ganzen Welt machen sich auf den Weg in den Norden Deutschlands. Auf insgesamt neun Bühnen wird der lauten Musik gefröhnt – und das ganze Dorf macht mit.

Mehr als 200 Bands und Künstler

Sage und schreibe 209 Bands und Künstler standen 2018 im Line-Up. Da ist als Fan und Besucher dann schon etwas Vorarbeit gefragt, wenn es am Ende keine langen Gesichter geben soll – nach dem Motto: »Was? Die waren auch da? Mist, die habe ich verpasst.« Und so stellen sich eben alle ihre ganz persönliche Running Order zusammen und schon kann es los gehen.

Kein Schlamm, viel Sand

Von Bühne zu Bühne, ab und zu mal an einem Catering-Stand vorbei – und das Ganze meist durch mindestens knöcheltiefen Schlamm auf dem Infield. Zu Wacken gehört der Schlamm genauso wie zum Metal das Headbangen. Nun, zumindest bis ins Jahr 2018. Denn dieses Jahr ist Sommer angesagt – überall in der Republik und somit eben auch auf dem schleswig-holsteinischen Land.

Das Wasser lief in Strömen

Temperaturen um die 30° C, jede Menge Sonnenschein und noch sehr viel mehr sandiger Staub erwarteten die Besucher in diesem Jahr. Die unzähligen Hähne mit kostenlosem, frischem Trinkwasser liefen entsprechend durchgängig und waren bestens besucht.

Eine ordentliche Bandbreite

Musikalisch bot auch die 2018er Ausgabe des W:O:A wieder eine ordentliche Bandbreite, die weit über den eigentlichen Begriff des Heavy Metal hinausging. Nicht selten werden die Veranstalter dafür kritisiert, doch so lange das Credo der handgemachten Musik eingehalten wird und nicht plötzlich irgendwelche Electro-Hipster auf den Bühnen auftauchen, geht das in Ordnung. Zumal ja auch die Künstler wissen, wo sie sich befinden und von wem sie gebucht wurden.

Fish mit alten Marillion-Songs

So konnte man vor dem Festival durchaus einmal fragend die Augenbraue heben, als der Name Fish im Line-Up der diesjährigen Wacken-Ausgabe auftauchte. Der Ex-Frontmann von Marillion war ja gerade zu Beginn seiner Solo-Laufbahn durch so manche Verirrung in seichte Pop-Gefilde aufgefallen. Auf der Headbanger Stage war davon am Mittwochabend jedoch nichts zu merken. Er verließ sich auf die alten Marillion-Klassiker und spielte vor allem Songs der beiden Alben »Misplaced Childhood« und »Clutching At Straws«. Mit Metal hatte das freilich wenig zu tun, doch so eine rockige Zeitreise zum Einstieg ist keinesfalls zu verachten.

Alles dicht bei Sepultura

Nur wenig später musste ich am Abend dann erst wieder lernen, was es bedeutet, auf einem Festival zu sein. Zum Auftritt von Sepultura kam ich etwas spät und prompt war das Zelt, in dem sich die W:E:T Stage befindet, dicht. Zu viele Menschen, zu viel Hitze, zu viel Staub. Die Security ließ niemand mehr rein und so wurde das brasilianische Feuerwerk leider ohne mich gezündet. Zum Glück konnte man vor dem Zelt wenigstens zuhören.

Tremonti spielt alle an die Wand

Der Donnerstag startete dann mit einem echten Knaller. Warum Tremonti in der prallen Mittagssonne um 14.30 Uhr spielen musste, war mir ein Rätsel. Der Gitarrist von Alter Bridge und Creed gab mit seiner Band derart Gas, dass man schnell das Gefühl hatte, eins der Festival-Highlights schon früh hinter sich gebracht zu haben. Schaut man sich die Chartplatzierungen des aktuellen Albums »A Dying Machine« dürfte es einer der letzten Auftritte des Mannes aus Detroit gewesen sein, der erst knapp nach dem ersten Bier stattfand. In Wacken haben Tremonti eindrucksvoll bewiesen, dass sie mit Sicherheit auch große Abendshows können.

Ganz schlimm: Visions of Atlantis

Nach dem Highlight folgte der Absturz. Auf der Wackinger Stage mühten sich Visions of Atlantis – und zwar völlig vergebens. Symphonic Metal nennt sich das wohl, was die Österreicher mit ihrer französischen Sängerin da auf die Bühne zaubern wollten. Es wurde eine Katastrophe. Das Ganze wirkte gecastet und strotzte nur so von aufgesetzten Posen. Blutleer und leblos wie ein toter Fisch.

Noch schlimmer: Exit Eden

Und wer geglaubt hatte, dass es nicht schlimmer kommen könnte, sah sich schon bei der nächsten  Band eines Besseren belehrt. Clémentine Delauney hatte noch nicht genug und kam mit ihrer Zweitband Exit Eden gleich noch einmal auf die Bühne. Und sie bewies tatsächlich, dass es doch noch schlechter geht. Zusammen mit zwei anderen, ähnlich hilflosen Sängerinnen trällerte sie sich durch Cover-Stücke, die künstlich auf hart gemacht wurden. Selten hat es mir nach einem Festival-Auftritt so derart in den Ohren gepfiffen wie nach diesem Auftritt.

Judas Priest zeigen ihr Können

Zum Glück standen an diesem Abend zumindest noch Judas Priest auf dem Programm. Natürlich sind die Jahre auch an Rob Halford und seinen Mitspielern nicht spurlos vorbeigegangen. Doch die Briten lieferten eine solide Show mit Songs aus allen Zeiten der Bandgeschichte. Und wenn das schreiende Organ des Frontmannes dann vielleicht doch mal nicht mehr so weit nach oben hinauswollte, verstand es die Technik in routinierter Dosierung so nachzuhelfen, dass es nicht einmal peinlich wirkte.

Saufmusik aus Finnland

Der Freitag begann mit Korpiklaani. Wie der Name schon fast vermuten lässt, sind hier Finnen am Werk. Und was tun Finnen furchtbar gerne? Sie singen über Alkohol. Und genau das machen  Korpiklaani auch. Sie würzen ihren Metal dabei  mit Folkelementen und hauen so jede Menge gute Stimmung raus. Es durfte mit dem ersten Bier des Tages gleich getanzt werden.

Aller Ehren wert: Nightwish

Später am Abend folgten Nightwish und so ein Zufall: ebenfalls Finnen. Doch dieses Mal gab es keinen Party-Folk-Metal, sondern Symphonic-Metal mit hoher Stimme. Das Ganze in eine mehr als ordentliche Bühnenshow gepackt und fertig ist ein gutes Konzert. Ganz ehrlich: Nightwish haben mir sehr viel besser gefallen als ich das vorher erwartet hätte. Zu meinen Lieblingsbands werden sie auch weiterhin nicht gehören, doch was sie an diesem Freitagabend in 75 Minuten auf die Bühne gestellt haben, war aller Ehren wert.

Running Wild sollten in Rente gehen

Leider ganz im Gegenteil zu Running Wild. Rolf Kaparek kann mit seinem musikalischen Baby inzwischen auf 30 Jahre Bandgeschichte zurückblicken und wollte dies an diesem Abend in Wacken eigentlich feiern. Einzig: Es gelang ihm nicht, die Massen auch nur halbwegs für sein Vorhaben zu begeistern. Zu deutlich zeigte sich, warum Running Wild zwar viele Jahre zu den Großen, aber eben nie zu den ganz Großen gehört hatte. Die Songs zu eintönig und wenn überhaupt mal in Sachen Tempo variierend. Dazu gibt es Gesangsmelodien, die nicht hängen bleiben und Ansagen, die wenig mitreissen und dem Klischee oft nur knapp entkommen.

Betontod machen Party bei 30° C

Sehr viel besser machen es da Betontod am frühen Samstag. Obwohl sie in der prallen Mittagssonne bereits um 12 Uhr auf die Bühne müssen/dürfen, scheuen die Rheinberger das Tempo nicht. Partytauglicher Punkrock mit deutschen Texten – momentan ist das ordentlich in und der Andrang vor der Bühne entsprechend groß.

Skindred wüten und beschimpfen

Ab Viertel vor vier konnte man sich dann von der Harder Bühne herunter beschimpfen lassen. Skindred-Sänger Benji Webbe bezeichnete sein Publikum in jedem zweiten Satz als »Motherfucker« und wurde (nicht nur) dafür ordentlich bejubelt. Musikalisch sorgten die Waliser für ordentlich Druck nach vorne und ließen in den Strophen ihren Einflüssen aus Hip-Hop und Reggae freien Lauf. Das klingt auf der Bühne wesentlich spannender als auf Platte.

Gojira als ein Highlight des Festivals

Weiter ging es dann auf der Nachbarbühne mit Gojira. Die Franzosen sollten zu einem Highlight des Festivals werden. Brachiale Gitarren, eine starke Stimme und Songs, die nicht allein von »Fire«, »Power« und »Steel« erzählen. Auf ihrem 2016er Album »Magma« zelebriert das Quartett modernen Death-Metal, der sich auch vor vielerlei Einflüssen nicht wehrt. Auf der Bühne braucht das dann auch wenig Show. Gojira sind das beste Beispiel dafür, dass richtig gute Musik oft schon reicht.

Große Show von Helloween

Um 20 Uhr reissen Arch Enemy ihren Auftritt routiniert gut, aber ohne große Höhepunkte runter. Diese Höhepunkte zeigen dafür ab 21.30 Uhr Helloween mit ihrer Pumpkin United Show. Alle aktuellen plus die noch lebenden Ex-Band-Mitglieder auf einer Bühne – da kann es schon mal eng werden. Umso erstaunlicher, wie gut das Ganze harmoniert. Michael Kiske neben Andi Deris an den Mikrofonen, Kai Hansen, Michael Weikath und Sascha Gerstner an den Gitaaren – und es klingt wie aus einem Guss. Die sieben Musiker nehmen das Publikum auf eine Zeitreise durch die eigene Bandgeschichte mit. Die zweieinhalb Stunden der Show vergehen wie Flug und finden ihren Höhepunkt im Schlagzeug-Solo von Daniel Loeble. Begleitend läuft auf der riesigen Videoleinwand der Bühne ein altes Video des früheren Schlagzeugers Ingo Schwichtenberg. Ton und Video laufen hierbei über mehrere Minuten absolut synchron.

Zum Abschluss Dimmur Borgir

Zum Abschluss gebe ich mir dann mit Bier und Pommes in der Hand noch Dimmu Borgir. Das Bier schmeckte, die Pommes waren lecker und die Norweger entführten mich in eine Welt, in der ich glauben durfte, dass das Festival niemals enden würde. So ganz bin ich aus dieser Welt auch jetzt noch nicht wieder zurück.

P.S. Helga wurde auch dieses Jahr nicht gefunden…

Das Wacken Open Air 2018

Meine Wertung

Dieses Mal kein Schlamm, dafür staubtrocken. Bestens organisiert mit mehr als ordentlicher Musik. Nicht umsonst das größte Festival seiner Art.

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Stichworte

The Disorder

Weltinteressierter, offenaugiger, nachtneugieriger Individualmensch in glücklicher Zweierbeziehung, der Musik und Fotos macht, Bücher schreibt und Filme filmt.

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Ein Kommentar

  1. Ich war auch da. Der Staub war wirklich die Hölle. Da wünscht man sich fast den Schlamm. Running Wild war aber geil – es war nur zu heiß. Egal, Karten für nächstes Jahr sind schon bestellt. XxX

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