Gesellschaft

Sommerloch

Die Sonne verbrennt den Verstand

Heute schon geduscht?

Es ist warm in Deutschland, richtiggehend heiß sogar. Überall scheint die Sonne und das zum Teil seit Wochen fast täglich. In Berlin gab es im Grunde seit Mitte April keinen echten Regentag mehr. Die Gemüter sind entsprechend erhitzt, sollte man meinen. Man schwitzt auch ohne Sport zu treiben und kommt mit dem Duschen gar nicht nach. Die Eisdielen der Republik freuen sich über Rekordumsätze.

Vorzeichen der Klimakatastrophe

Selbstverständlich ruft ein solches Sommerwetter auch die warnenden Klimaforscher wieder auf den Plan. Ja, selbstverständlich sind das die Auswirkungen der Klimaerwärmung. Konstante 30° C am Polarkreis, Walbrände in Schweden – normal ist das nicht. Die Damen und Herren verunsichern mit Warnungen, man möchte so gerne etwas tun, weiß jedoch nicht so genau, was. Das eigene Auto ist doch schließlich schon abgeschafft und auf die Kreuzfahrt mit dem Riesendampfer hat mit in diesem Sommer auch verzichtet.

Alle im Urlaub

»Bravo!« möchte man rufen, doch die, die den Klimawarnern wirklich zuhören sollten, tun es nicht. Schließlich brauchen selbst die volksfernen Volksvertreter ab und zu mal ein paar Tage zum Durchschnaufen. Urlaub nennt man das dann, die schönste Zeit des Jahres. Alle Welt ist unterwegs und lässt die Probleme des Alltags hinter sich. Wie schön, wenn dann sogar das Wetter vor der eigenen Haustür bereits zu langen Abenden im Biergarten einlädt.

Zum Glück gibt es den Blutmond

Entsprechend unaufgeregt sind die Menschen in den Monaten Juli und August. Da kann dann schnell auch mal eine Mondfinsternis zum bestimmenden Thema auf den Facebook-Zeitleisten der Republik werden – inklusive der Erkenntnis, dass man selbst mit modernsten Smartphones nicht alles einfangen kann.

Keine besonderen Vorkommnisse

Spricht man in ein paar Jahren über den Sommer 2018 wird also am Ende dann doch vor allem das Wetter in Erinnerung geblieben sein. Und bringen wir es auf den Punkt: Wann spricht man über das Wetter? Richtig! Wenn sonst nichts Erwähnenswertes passiert!

Die WM, der Seehofer und die Flüchtlinge

Die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland? Am besten ganz schnell vergessen! Das politische Theater von Horst Seehofer? Den grenzdebilen, alten Mann kann man doch nicht mehr ernst nehmen. Und die Flüchtlinge? Werden uns auch in vielen Jahren noch beschäftigen, wenn wir nicht endlich umdenken und die Gründe für Flucht vor Ort abstellen.

Und was macht Mesut Özil?

Bleibt am Ende vielleicht die Özil-Affäre? Das Ganze überhaupt so zu nennen, ist schon die pure Übertreibung. Die Medien brauchen auch im Sommerloch ihre Schlagzeilen und haben sich mangels Alternativen eben auf den Rücktritt eines Nationalspielers gestürzt.

Was zählt, ist der richtige Hashtag

Aber immerhin – könnte man nun argumentieren – hat der Fall doch eine interessante Diskussion über Integration und Rassismus losgetreten. »Interessant?«, frage ich dann zurück. Heutzutage wird doch überhaupt nicht mehr diskutiert. Es wird kommentiert bis die Schwarte kracht, die eigene Meinung kundgetan und was die Anderen denken, kann doch auf gar keinen Fall korrekt sein. Schnell noch ein Hashtag gesucht oder gar erfunden, damit sich auch das letzte Lichtlein noch zu Wort melden kann. Alle sind wichtig, alle verbreiten wir unsere eigene Wahrheit der Dinge. Wer anders denkt, passt nicht in unsere freie, demokratische Grundordnung.

Lieber C-Promi als gar nicht

Wer selbst im Gespräch bleiben will, gibt eben seinen Senf dazu. Hier ein Kommentar zu dem Thema, dort ein Tweet zu dem Thema. Lösungen habe ich zwar auch nicht, aber letztlich ist es ja erst einmal viel wichtiger, dass alle Welt weiß, was ICH darüber denke. Ich kenne mich schließlich in allen Bereichen des modernen Lebens aus. Und selbstverständlich muss ich mich auch als C-Promi aus der Schlagerwelt noch zu fußballrelevanten Themen äußern. Als Instragram-Influencer habe ich in meinem Leben schließlich schon ordentlichn was auf die Beine gestellt und meine fünfeinhalb Millionen Robots… äh, Follower wollen schließlich auch wissen, was ich darüber denke.

Es interessiert nur niemanden

Schade nur, dass es gerade im Sommer eben so wenige Themen und – ja, nennen wir es Diskussionen – gibt, die man kommentieren kann. Alle sind weg, aller liegen am Strand oder sitzen im Biergarten. Die Leute wollen Erholung und interessieren sich nicht für meine geistigen Ergüsse. Warum in aller Welt mache ich das hier überhaupt?

Der reine Zeitvertreib

Na gut, dann bin ich einfach mal ehrlich: Ich vertreibe mir die Zeit im Sommerloch. Ich mache mir Gedanken über Nichts und die Welt und bringe sie zu Papier (oder tippe sie zumindest in den Rechner ein). Und Du, lieber Leser, hast am Ende sogar auch etwas davon: Es wieder zwei Minuten dieser elend langweiligen Zeit, die wir Sommer nennen und in der es selbst im Fernsehen nur Wiederholungen gibt, vergangen. Es ist zu warm zu draußen. Wird Zeit, dass der Winter kommt!

Stichworte

The Disorder

Weltinteressierter, offenaugiger, nachtneugieriger Individualmensch in glücklicher Zweierbeziehung, der Musik und Fotos macht, Bücher schreibt und Filme filmt.

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2 Kommentare

  1. Es ist tatsächlich voll heiß! Zum Glück kam heute mal eine Abfrischung als Gewitter. Ich bin sofort raus in den Regen. Habe den Text aber gut gefunden.

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