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Ein Abgang mit Ansage

Deutschland wird 2018 nicht Weltmeister

Ein Fiasko mit Ankündigung

Seien wir doch für fünf Minuten einfach mal ehrlich zu uns selbst: Wir haben es doch alle gewusst. Egal, wie sehr wir es uns auch gewünscht haben. Egal, wie gerne wir uns an den dünnen Strohhalm der Hoffnung geklammert haben. Spätestens seit den beiden Spielen gegen Österreich und Saudi-Arabien im Vorfeld der WM wussten wir es: Irgendetwas stimmt nicht und nein, das wird nichts mit der Titelverteidigung.

Das wird nichts

Wir wussten es und klebten dann doch an den Lippen der Verantwortlichen. »Zusammen« hieß es dort, vom fünften Stern war ständig die Rede und doch blieb irgendwie das Gefühl: Irgendetwas stimmt nicht und nein, das wird nichts mit der Titelverteidigung. Wir wussten es und als den Verantwortlichen dann letztlich doch auch Unheil schwante, war es bereits zu spät. Jogi Löw und seine Mannschaft powered by Coca-Cola sind nach Niederlagen gegen Mexiko und Südkorea sang- und klanglos als Gruppenletzter in der Vorrunde der Weltmeisterschaft 2018 ausgeschieden.

Eine historische Pleite

Es ist eine unrühmliche Premiere in der langen und sehr erfolgreichen WM-Historie Deutschlands. Eine Pleite, die noch vor einem Jahr nach Gewinn des Confed-Cups undenkbar schien und letztlich doch unabwendbar war. Denn ob man will oder nicht: Diese Pleite hatte sich angekündigt. Und sie ist dabei sogar noch mehr: Nämlich ein Sinnbild des erbärmlichen Zustandes unseres ganzen Landes.

Der Tanz am Klippenrand

Fußballerisch ist Deutschland nach langem Tanz am Klippenrand in den Abgrund gestürzt. Politisch steht dieser Fall kurz bevor. Das Schlimme daran: In beiden Fällen war und ist der Sturz nicht zu verhindern – und zwar aus dem einzigen Grund, weil an den längsten Hebeln der Verantwortung überall Menschen sitzen, die nicht loslassen können.

Besitzängste über Menschlichkeit

Deutschland ist zu einem Land der Klammeraffen geworden. Zu einem Land, in dem es schon heißt, dass alles gut ist, weil es nicht schlechter wird. Ein Land, das Besitzängste über Menschlichkeit stellt und dabei die einfachsten Weichenstellungen in die Zukunft vergisst. Dass Stillstand schon der erste Rückschritt in Richtung Misserfolg ist – geschenkt, solange der eigene Posten lukrativ genug ist. Fragt doch mal den Jogi oder die Angela.

Wir werden abgehängt

Auf den ersten Blick mag das nun etwas übertrieben sein: Vom Ausscheiden einer Gurkentruppe auf die Probleme eines ganzen Landes zu schließen. Wer wird denn gleich schwarz malen? Wer wird vom Hundersten ins Tausendste schließen? Mit aller Entschiedenheit stehe ich da in der Mitte und sage: Ich! Und zwar in aller Deutlichkeit. Merkt ihr das denn nicht? Wir werden in allen Belangen abgehängt, weil wir vor lauter Verlustangst den Kopf nicht mehr freikriegen. Jogi, es reicht nicht, wenn man den Goldpokal verteidigen will. Man muss ihn gewinnen wollen – ganz egal, zum wievielten Mal in Folge das eventuell geschieht. Die Verteidigung des Erreichten hat noch niemanden zum Sieger gemacht.

Jetzt bloß nicht den Vollhorst machen

Unser Land braucht Veränderungen – und zwar nicht in die einfache Richtung derer, die es vor lauter Kurzsichtigkeit kaum schaffen, über den eigenen Tellerrand zu schauen. Den Vollhorst zu machen und den Dumpfbacken blindlings an den rechten Rand zu folgen, mag vielleicht der einfachere Weg sein, sich selbst weiterhin im Rampenlicht zu sehen. Ein Fortschritt für uns alle ist das mit Sicherheit nicht.

Beispiel Dortmund

Schauen wir uns der Einfachheit halber einfach mal im Fußball um. Das mag helfen, die Dinge zu verstehen. Da war vor noch gar nicht so vielen Jahren eine Mannschaft und ein Verein aus Dortmund. Die Verantwortlichen dort hatten einen gewissen Lauf und fällten für wenige Monate genau die richtigen Entscheidungen. Sie holten einen Trainer mit genauen Zielen vor Augen und wurden mit zwei Meisterschaften belohnt.

Den Weitblick verloren

Der Weg führte sogar bis ins ChampionsLeague-Finale und war trotzdem bereits zu Ende, noch ehe das Spiel im Londoner Wembley-Stadion angepfiffen war. Vor lauter Freude über das Erreichte, hatte man beim BVB nämlich vergessen, die notwendigen Kohlen nachzulegen. Der Zug wurde langsamer und langsamer und letztlich überholte der große Konkurrent aus dem Süden in einem Tempo, dass einem schwindelig werden konnte.

Nur das eigene Wohl im Blick

Der nächste Serienmeister spielte also nicht in gelb-schwarz, sondern in rot-weiß. Die Großkopferten aus München gaben und geben inzwischen den Ton in Deutschland an – und werden im internationalen Vergleich trotzdem mehr und mehr abgehängt. Wer auf nationaler Ebene ständig damit beschäftigt ist, die eigene Konkurrenz klein zu halten, kommt auf internationalem Parkett schnell man ins Schlingern. Die arme Angela kann nach den letztem EU-Gipfeln in Brüssel ein Lied davon singen. Und auch dem bestimmt nicht dummen Uli H. aus M. wird es hoffentlich eines Tages wie Schuppen von den Augen fallen: Konkurrenz belebt das Geschäft.

Als Spielball anderer

Wenn ich den Job bekomme, obwohl die Mitbewerber Schlange stehen und aus aller Herren Länder kommen, feiere ich das ab und gehe selbst an einem Montag motiviert bis in die Haarspitzen zur neuen Arbeitsstelle. Wenn ich hingegen den Ausbildungspraktikanten spielen darf und selbst dann zur Einarbeitung gebeten werde, wenn ich ein leeres Blatt Papier in den Bewerbungsumschlag stecke, verliert die ganze Sache an Wert. Ich möchte mich beweisen können und zumindest das Gefühl haben, dass meine Arbeit wertgeschätzt wird. Lasst mir doch bitte zumindest das Gefühl, dass das, was ich kann, nur ich so gut kann. Als Spielball Eurer Selbsterhaltung verliere ich die Lust.

Falsche Diskussionen

Deutschland braucht endlich wieder Menschen, die voran gehen. Menschen, die voran gehen und andere Menschen für ihren Weg begeistern können. Menschen, die mitreissen und führen können. Das ist im Fußball genauso wichtig, wie in der Politik. Jogi Löw hat seine Verdienste um die Mannschaft powered by Coca-Cola – unbestritten. Wenn jedoch jedes noch so kleine, aufkeimende Pflänzchen der Begeisterung im Kommerz erstickt wird und sich Diskussionen wochenlang nur um falsche Neunen, eingeschnappte Stürmer oder fatale Fotos mit fremden Staatspräsidenten drehen, ist es höchste Zeit, die Dinge zu verändern.

Schlechte Arbeit

Wenn die Gesichtszüge ständig nach unten entgleisen und selbst die Raute als Symbol der Beruhigung nicht mehr hilft, ist es höchste Zeit, die Dinge zu verändern. Wenn vor lauter Defensive aufgrund von Angriffen aus den eigenen Reihen keine Gelegenheit mehr ist, wichtige Dinge voranzutreiben, wird Regierungsarbeit schnell zur Posse. Und natürlich kann man dies im Merkelschen Stile auch mal wieder aussitzen. Denn klar ist doch, dass schon in wenigen Tagen wieder die kommen, die sagen: Ist doch alles nicht so schlimm. Es geht uns doch gut.

Jammern auf hohem Niveau

Ja, kann man da nur sagen: All dies ist mit Sicherheit ein Jammern auf hohem Niveau. Das hohe Niveau wurde jedoch nicht durch die Verteidigung von Besitztümern erreicht, sondern weil Menschen anpackten, die etwas erreichen wollten. Es gehört zur Natur der Sache, dass sich diese Begeisterung mit der Zeit abnutzt. Führungsarbeit ist schwere Arbeit und kostet Kraft.

Neue Besen kehren gut

Es wird Zeit, dass frische Kräfte das Ruder in die Hand nehmen. Keine Ersatzsspieler, keine Hinterbänkler, sondern Menschen, die eine Richtung vorgeben, das Steuer herumreissen. Geschieht dies nicht, wird mit Sicherheit nicht das Jammern aufhören. Es geschieht dann eben einfach nicht mehr auf hohem Niveau.

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The Disorder

Weltinteressierter, offenaugiger, nachtneugieriger Individualmensch in glücklicher Zweierbeziehung, der Musik und Fotos macht, Bücher schreibt und Filme filmt.

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