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Routinierte Sauberkeit

A Perfect Circle waren in der Zitadelle Spandau

Kein einfacher Zeitgenosse

Maynard James Keenan gehört mit Sicherheit nicht unbedingt zu den einfachen Zeitgenossen. Der Frontmann von A Perfect Circle, Tool und Pucifer ist sich seiner musikalischen Leistungen durchaus bewusst und leidet ganz bestimmt nicht unter mangelndem Selbstbewusstsein. Was er macht, ist Kunst und basta. Wer damit nichts anfangen kann, soll es doch bleiben lassen. Es fehlt dann eben an der nötigen Intelligenz, das Ganze in vollem Umfang zu erfassen.

Direkt und fokussiert

Und Kunst muss natürlich am besten ungestört genossen werden, fokussiert und direkt. Wer will da widersprechen? Das leuchtet doch ein. Trotzdem sorgte eine Ankündigung von A Perfect Circle im Vorfeld ihres Konzertes in der Zitadelle Spandau am Sonntag für Diskussionen. Die Band ließ wenige Tage vor ihrem Auftritt  ein striktes Fotografierverbot verbreiten. Smartphones und ähnliche Aufzeichnungsgeräte seien schlichtweg nicht erwünscht und wer seinen kleinen Bildschirm trotzdem in Richtung Bühne halten würde, müsse eben damit rechnen, dass er vom Ordnungspersonal nach draußen geleitet würde.

Geteilte Reaktionen

Die Reaktionen vor dem Konzert waren geteilt. Von Dankbarkeit bis zu den üblichen Hass-Kommentaren war die gesamte Bandbreite gegeben. Umso mehr verblüffte dann doch die Einhaltung des Verbots am Sonntag vor Ort. Nur vereinzelt und wenn dann nur für einen kurzen Moment tauchten Smartphones aus der Menge auf. Der Rest des Publikums stand brav da, schaute und lauschte. In Deutschland ist man bei aller Aufregung eben dann doch daran gewöhnt, sich an Vorschriften zu halten und die Obrigkeit (in diesem Falle die Band) zu respektieren.

Ungestörter Kunstgenuss

Dem ungestörten Kunstgenuss stand also nichts mehr im Wege und als Keenan und Co. um kurz vor acht Uhr die Open-Air-Bühne in Spandau enterten, war die Begeisterung groß. Das Ambiente stimmte, der Sound war vom ersten Ton an sauber und klar und Maynard James Keenen tauchte im knallblauen Anzug auf einem Podest im hinteren Bereich der Bühne auf.

Nur anfangs eine gute Idee

Gute Idee, dachte man sich in der Zuschauermenge. Mit seinen 1,70 Meter gehört der 54-Jährige rein körperlich nicht unbedingt zu den Riesen und war so trotzdem durchgängig zu sehen. Leider schwächte sich das mit der guten Idee dann mit zunehmender Dauer des Konzertes mehr und mehr ab. Das Problem: Keenan verließ seine Erhöhung nicht.

Ein erhöhtes Refugium

Im Gegenteil: Das Podest wurde mehr und mehr zum Refugium, schützte den großen Meister und seine Kunst vor den Urgewalten, die sich im Publikum mehr und mehr aufzustauen schienen. Man wartete auf den Ausbruch, wackelte mit dem Oberkörper, manchmal kam das Bein dazu. Irgendwann würde es so weit sein: Die Energie würde sich ihren Weg suchen, der Ausbruch stand unmittelbar bevor.

Der Deckel blieb drauf

Indes: Er kam nicht. Kein Ausbruch. Weder bei der Band, noch beim Publikum. Die Songs dümpelten bei noch immer glasklarem Sound vor sich hin als seien sie an eine unsichtbare Kette gelegt. Vorgetragen in astreiner Qualität, aber eben als kämen sie direkt aus der Konserve. Kontakt zum Publikum? Kannste knicken. Improvisierte Kabinettstückchen? Aber doch nicht mit A Perfect Circle.

Ein kleiner Fetzen Leben

Da muss dann schon ein unfreiwilliger Sturz von Gitarrist Billy Howerdel herhalten, um das Quartett kurzzeitig mal aus der Fassung zu bringen. Immerhin: Ein kleiner Fetzen Lebendigkeit wurde dem dankbaren Publikum dann doch gereicht. Da oben stehen keine Roboter. Da oben stehen nicht Kraftwerk, sondern A Perfect Circle. Perfekt zwar, aber offensichtlich doch Menschen.

Zu perfekt um großartig zu sein

Leider zeigten A Perfect Circle genau dies viel zu selten. Das Perfekte stand im Vordergrund. Die Kunst um der Kunst Willen. Leben? Rock’n’Roll gar? Da ist bei aller Durchdachtheit doch gar kein Platz. Und so ließen Maynard James Keenan und seine Mitstreiter unter dem Strich dann leider genau das vermissen, was aus einem guten Konzert ein überragendes Konzert werden lässt: Die Party!

A Perfect Circle in der Zitadelle Spandau

Meine Wertung

Sterile Smartphones wären dieser Show auf den Punkt gerecht geworden. Technisch perfekt, doch Rock'n'Roll geht anders

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Stichworte

The Disorder

Weltinteressierter, offenaugiger, nachtneugieriger Individualmensch in glücklicher Zweierbeziehung, der Musik und Fotos macht, Bücher schreibt und Filme filmt.

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