Gesellschaft

Ein Blick in die Arbeitswelt

Ein Groteske, die vielleicht wirklich stattgefunden hat

Wie damals bei Extrabreit

Nennen wir ihn doch einfach Karl-Heinz-Jürgen, unseren Protagonisten. So hieß er bei Extrabreit auch, damals in ihrem Song »Junge, wir können so heiß sein«, irgendwann in den frühen 1980er Jahren. Fünfzehn Jahre malocht hat er in dem Lied, seine Mutter hat ihn dabei bekocht. Schnell ist klar: Das Lied eines Losers. Eines Menschen, der auf der Verliererseite des Lebens steht.

Unser Protagonist

Unser Karl-Heinz-Jürgen, Protagonist eines Liedes, das nie geschrieben wurde, ist nicht mal unbedingt ein Verlierer. Er steht mit beiden Beinen fest im Leben, hat ein Hochschulstudium abgeschlossen und muss schon lange nicht mehr von Mutti bekocht werden. Im Gegenteil: Unser Karl-Heinz-Jürgen ist sogar glücklich verheiratet. Er hat einen großen Freundeskreis, gilt in diesem mitunter als aufbrausend, aber stets auch reflektierend, wenn er einen Fehler gemacht hat. In dem Verein, in dem er sich engagiert, hat er bis in den Vorstand geschafft und wenn man die Leute nach seinen herausstehenden Eigenschaften fragt, heißt es stets, dass Karl-Heinz-Jürgen immer genau weiß, was er will und wie er das Ziel dann auch erreicht.

Engagement wird nicht gewürdigt

In seiner Firma arbeitet er sich über viele Jahre nach und nach stetig nach oben, beginnt dann sogar, sich zu engagieren und wird schließlich zum Vorsitzenden des Betriebsrates gewählt. Als es mit der Firma später aufgrund von falschen Entscheidungen und Missmanagement der Chefetage bergab geht und den Leuten mit der Begründung »Wir haben kein Geld mehr« nicht einmal mehr der vertraglich zugesicherte Lohn gezahlt wird, beginnt die Zeit der schwarzen Liste. Ganz oben auf dieser Liste: Karl-Heinz-Jürgen. Die hörigen Mitarbeiter werden auf ihn angesetzt. Er wird diskreditiert und die Chefetage gibt klar zu erkennen: Der Betriebsrat und an dessen Spitze selbstverständlich der Vorsitzende ruiniert mit überzogenen Forderungen die Firma. Dass Karl-Heinz-Jürgen sich bei seinen Forderungen allein an geschriebenes Gesetz hält, interessiert an dieser Stelle doch niemanden.

Mobbing nach Strich und Faden

Karl-Heinz-Jürgen wird nun nach Strich und Faden gemobbt, er wird krank und nach einem knappen Jahr ist die Geschäftsführung am Ziel: Der arme Mann gibt auf. Er schmeißt hin, er kann nicht mehr. Die Arbeit, die ihm früher so viel Spaß gemacht hat, hat ihn krank gemacht, hat ihn ausgepumpt. Der Akku ist leer. Die Kollegen, für die er sich jahrelang eingesetzt hat, interessiert das schon lange nicht mehr. Ihnen ist der eigene Job wichtiger. Was interessiert es, dass sie den Job vielleicht schon nur noch haben, weil Karl-Heinz-Jürgen sich so lange zur Wehr gesetzt hat.

Nicht mehr der Jüngste

Nachdem unser Held sich schließlich halbwegs erholt hat und die Einsicht zurückgekehrt ist, dass es ja irgendwie weiter gehen muss, findet sich Karl-Heinz-Jürgen schließlich beim Arbeitsamt wieder. Er ist schließlich auch nicht mehr der Jüngste und auch, wenn er die ein oder andere Bewerbung schreibt: Als Antwort kommt – wenn überhaupt – stets eine Absage. Doch unser Protagonist wäre nicht unser Protagonist, wenn er nicht eine Idee hätte.

Karl-Heinz-Jürgen hat eine Idee

Doch natürlich reichen die 1.385,- Euro, die er vom Arbeitsamt zunächst erhält, nicht zur Umsetzung großer Ideen. Nicht ahnend, dass die Idiotie nun ihren Lauf nimmt, bespricht er seine Ideen also mit der netten Dame vom Amt. Diese ist von den Ideen Karl-Heinz-Jürgens auch sofort begeistert und sieht durchaus Substanz in diesen – vor allem in Bezug darauf, dass unser Protagonist möglichst schnell wieder aus ihren Arbeitslosen-Statistiken verschwindet. Also fragt die Dame vom Amt ein paar Dinge von Karl-Heinz-Jürgen ab, stellt ihm einen Gründungszuschuss in Aussicht, der sich aus seinem Arbeitslosengeld und 300,- Euro extra zusammensetzt.

Bürokratie ohne Ende

Drei Monate nachdem Karl-Heinz-Jürgen sich arbeitslos gemeldet hat, entlässt ihn das Arbeitsamt mit einem Gründungszuschuss von 1.685,- Euro in die Selbständigkeit. Natürlich nicht ohne einen Haufen Formulare – schließlich wollen sowohl die Krankenkasse als auch die Rentenversicherung und ein paar weitere Ämter gerne wissen, was er denn nun eigentlich überhaupt tut. Also verbringt Karl-Heinz-Jürgen den ersten Monat mit dem Ausfüllen von Formularen. Eigener Verdienst in dieser Zeit: Nichts. Nada. Nothing. Niente.

Mehr ist eigentlich weniger

Im Gegenteil: Die Krankenkasse findet es nämlich auch ganz toll, dass Karl-Heinz-Jürgen nun auf eigenen Beinen steht und berechnet seinen monatlichen Beitrag bei zu erwartenden Einnahmen von etwa 500,- Euro zusätzlich zum Gründungszuschuss auf 384,12 Euro. Bleiben unserem Protagonisten nach Abzug der Krankenkasse unter dem Strich noch 1.300,88 Euro. Davon werden dann noch etwa 50,- Euro für die Rentenversicherung fällig und etwa 45,- Euro für die Arbeitslosenversicherung als Selbständiger. Statt 1.385,- Euro Arbeitslosengeld bleiben dem Frisch-Selbständigen nach Abzug aller Kosten nun also rund 1.205,- Euro über die er früh verfügen kann.

Dann doch noch das Happy-End

Zum Glück ist das Happy-End nah, denn mit 1.205,- Euro im Monat lässt sich natürlich keine erfolgreiche Firma aufbauen. Also freut sich Karl-Heinz-Jürgen, dass er die Arbeitslosenversicherung für Selbständige abgeschlossen hat und geht nach aufreibenden sechs Monaten wieder zum Amt. Er meldet sich wieder arbeitslos, denn wenn die eigene Firma nicht funktioniert, hat man ja in der Tat nichts zu tun. Da nun jedoch als Grundlage zur Berechnung des Arbeitslosengeldes ein vorheriges Gehalt fehlt, wird kurzerhand die Berufsbildung von Karl-Heinz-Jürgen herangezogen. Und da der Mann – wie oben erwähnt – sogar einen Hochschulabschluss hat, flattert ihm weniges Tage nach seiner Arbeitslosenmeldung ein Bescheid ins Haus, der ihm 1.495,- Euro Arbeitslosengeld zuteilt. 1.495,- Euro, in denen die Krankenkasse und alle weiteren Sozialabgaben bereits enthalten sind. 1.495,- Euro also, die unserem Karl-Heinz-Jürgen in vollem Umfang zur Verfügung stehen…

Der Staat denkt mit

Unser Protagonist freut sich nun also über fast 300,- Euro mehr im Monat, die ihm unter dem Strich bleiben. Geld, dass er jedoch auch dringend benötigt, schließlich ist er ja nun auch arbeitslos. Er hat also im Grunde nichts mehr zu tun – und deshalb eben auch mehr Zeit, Geld auszugeben. Das System denkt mit – wir sind begeistert!

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The Disorder

Weltinteressierter, offenaugiger, nachtneugieriger Individualmensch in glücklicher Zweierbeziehung, der Musik und Fotos macht, Bücher schreibt und Filme filmt.

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