Gesellschaft

Die kleinen Spiele

Die anderen Spiele

Am kommenden Samstag beginnen in Peking die Paralympics 2008, die olympischen Spiele für Sportler mit Behinderung. Knapp zwei Wochen nach Beendigung des größten Sportereignisses im Jahre 2008 ist Peking behindertengerecht umgebaut. Auch ARD und ZDF haben noch einmal mächtig aufgerüstet und werden so viel wie noch nie von den Behindertenwettspielen berichten. Schließlich sind auch so viele Nationen wie nie zuvor angemeldet, insgesamt sind es 148. Die deutsche Mannschaft geht in Peking mit 171 Athleten an den Start. Viele mit Medaillenhoffnungen, viele jedoch einfach auch nur mit dem olympischen Gedanken im Hinterkopf.

Balance zwischen Kritik und Kommerz

Dabei sein ist eben alles und seltsamerweise hat bei den olympischen Spielen der Behinderten auch kein Mensch ein Problem damit. Was war das Geschrei nach einer Befreiung Tibets noch vor guter Monatsfrist laut, was regten sich die Journalisten über Internetsperren und Menschenrechtsverletzungen auf. Die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten hatten ihre liebe Mühe, die Balance zwischen Kritik und Kommerz zu halten. Auf der einen Seite in den Tagesthemen und im heute-journal stets kritische Berichte, auf der anderen Seite hoffte man jedoch natürlich auch auf gute Quote.

Keine kritischen Töne mehr

Darf dieser Balanceakt nun nicht mehr stattfinden, weil die Sportler behindert sind? Noch einmal ein Blick auf die Fakten: In Peking messen sich vom 6. bis zum 17. September 4000 Sportler aus 148 Nationen in insgesamt 471 Entscheidungen. Und natürlich hat sich ein Großteil der Sportler selbst mit der Situation in Peking auseinander gesetzt. Behinderte Sportler unterscheiden sich diesbezüglich in keinster Weise von ihren nichtbehinderten Kollegen. Doch in der Öffentlichkeit? Kein Wort. Keine Free Tibet-Aktionen mehr, kein Wort mehr darüber, auf welche Internetseiten die berichtenden Sportjournalisten in den elf Tagen der Paralympics zugreifen dürfen und auf welche nicht.

Sieht so Gleichberechtigung aus?

Oder muss man über Wettkämpfe behinderter Sportler anders berichten als über Wettkämpfe nichtbehinderter Sportler? Zugegeben, eine bewusst provokante Fragestellung. Doch ich höre sie schon jetzt, die euphorischen Jubelgesänge der Sportreporter: Neuer Weltrekord und das in einer Fabelzeit und trotz der Behinderung.

Hartes Training

Nein, mein lieber Kollege vom Sport, der Sportler hat die Fabelzeit nicht trotz der Behinderung erreicht, sondern weil er wie jeder andere Sportler dieser Welt hart dafür trainiert hat. Und weil er eben bis auf das körperliche Handicap ein ganz normaler Mensch mit all seinen Macken, Ecken und Kanten ist. Ein Mensch, der sich genauso wie alle anderen Menschen seine Gedanken über die Vergabe der Spiele nach Peking macht und der sich fragt, warum ausgerechnet seine olympischen Spiele nicht mit der Vehemenz in der Öffentlichkeit diskutiert und hinterfragt werden, wie es noch vor den anderen olympischen Spiele Gang und Gebe war.

Falsche Rücksichtnahme

Ist es das, was viele Behinderte noch heute als falsche Rücksichtnahme am eigenen Leibe erfahren? Müsste das Geschrei nicht eigentlich gerade bei den Paralympics in Peking noch viel größer sein? Schließlich gilt China in Sachen Gleichberechtigung behinderter Menschen noch immer als Entwicklungsland.

60 Millionen behinderte Menschen in China

Entsprechend der Tatsache als bevölkerungsreichstes Land der Erde gibt es dementsprechend in China so viele behinderte Menschen wie in keinem anderen Land. Offiziellen Angaben nach leben in dem Großreich rund 60 Millionen behinderte Menschen. Dies entspricht in etwa der Einwohnerzahl von Italien und sind in China trotzdem nur etwa fünf Prozent der Bevölkerung. Ein erstes Gesetz zum Schutz der Rechte von Behinderten gab es erst 1990. Zwar gelten behinderte Menschen in China inzwischen offiziell als gleichberechtigt, die Realität sieht jedoch vor allem in den ländlichen Gebieten noch immer anders aus. Noch immer gibt es Fälle, in den behinderte Familienmitglieder jahrelang vor der Öffentlichkeit versteckt werden.

Fortschritte in China

Umso verwunderlicher mag es da scheinen, dass ausgerechnet China bei den Paralympics vor vier Jahren in Athen die meisten Medaillen gewonnen hat. Wesentlicher Antreiber dieser Entwicklung im Behindertensport ist vor allem ein Mann: Deng Pufang. Der Sohn des früheren chinesischen Präsidenten Deng Xiaoping hat die nötigen Kontakte und Verbindungen, um Einfluss zu üben und dem Behindertensport Aufmerksamkeit zu verschaffen. Deng Pufang ist seit vielen Jahren selbst gelähmt und sitzt im Rollstuhl.

Keine flächendeckende Infrastruktur

Von einer flächendeckenden behindertengerechten Infrastruktur kann jedoch trotz Paralympics selbst in der Hauptstadt Peking noch keine Rede sein. Zwar rühmten sich die Behörden im Vorfeld der Olympischen Spiele mit der Einrichtung von Behinderten-Parkplätzen und mittlerweile 25 Linienbussen, in die man auch im Rollstuhl problemlos einsteigen kann. Doch für die 660.000 behinderten Menschen in Peking ist dies nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Gerade mal an zwei U-Bahnlinien existieren Fahrstühle für Rollstuhlfahrer.

Ein kritischer Blick sei erlaubt

Ein kritischer Blick nach Peking auch während der olympischen Spiele für behinderte Menschen sei also erlaubt. Nicht nur in der Frage der Gleichberechtigung behinderter Menschen. Auch in Tibet leben behinderte Menschen, die sich freuen, wenn man für die Belange ihres Landes protestiert. Mir selbst ist es aufgrund mangelndem sportlichen Talents leider auch nicht einmal ansatzweise vergönnt, zu den 171 Atheten und Athletinnen zu gehören, die nach Peking dürfen. Dennoch habe ich in den letzten Jahren einige von ihnen kennenlernen dürfen und kann es daher einigermaßen nachvollziehen, was es für sie bedeutet, an olympischen Spielen teilzunehmen.

Der entscheidende Punkt

Kirsten Bruhn, Olympiasiegerin im Schwimmen in Athen 2004 und in Peking ebenfalls dabei, glaubt, einen entscheidenden Punkt gefunden zu haben. Immer wieder weist sie darauf hin, dass ihre Behinderung nicht ihr wichtigstes Merkmal ist. »Viel zu wenige sehen den Menschen in mir, wie er wirklich ist“, sagt Bruhn. „Die Gesellschaft ist zu sehr vom Visuellen geprägt, das ist schade.«

In erster Linie Sportler

Es wäre also schön, wenn bei den paralympischen Spielen in China eben nicht in erster Linie der Rollstuhl oder das fehlende Bein gesehen würden. In Peking messen sich elf Tage lang Sportler, die hart für ihr Ziel einer olympischen Medaille so nah wie möglich zu kommen trainiert haben. Sie unterscheiden sich auch diesbezüglich in nichts von nichtbehinderten Sportlern. Gerade deshalb ist es jedoch wichtig, die Paralympics in China genauso kritisch zu sehen wie die vergangenen olympischen Spiele.

Kritik muss sein

Denn eins kann auch die Autorin dieser Zeilen, die selbst behindert ist, mit Sicherheit sagen: Genauso wenig wie ihre nichtbehinderten Kameraden vor wenigen Wochen, fühlen sich behinderte Sportler diskriminiert, wenn man sich kritisch und mitunter auch protestierend mit den Spielen in China auseinandersetzt. Im Gegenteil: Sie fühlen sich diskriminiert, wenn man es nicht tut.

Stichworte

Ähnliche Themen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Das könnte Dich auch interessieren

Close
Close