Fußball national

Das Märchen vom Märchen

Wie im Märchen

Im Grunde klingt es doch wie ein Märchen. Wie ein schönes Märchen sogar. Es klingt wie das Märchen vom Außenseiter, der antritt, den Großen das Fürchten zu lehren und – wie das im Märchen nun mal so ist – am Ende dann auch tatsächlich das Gute gewinnen lässt. Ein Märchen, wie es alle Fußballliebhaber doch im Grunde lieben müssten. Das Märchen, das irgendwie nach einer Neuauflage von Vestenbergreuth oder Esslingen klingt.

David gegen Goliath

Da wird also ein Verein neu gegründet, startet in allen Ligen durch, kämpft tapfer wie David gegen Goliath, boxt die Arrivierten aus dem Weg, die Traditionalisten, gewinnt gegen die, die schon immer da waren. Nach nicht einmal zehn Jahren ist der große Traum vom ersten echten Titel dann plötzlich zum Greifen nah. RB Leipzig hat es zum ersten Mal in der noch kurzen Vereinsgeschichte geschafft, ins Finale um den DFB-Pokal einzuziehen.

Ein Lügenmärchen aus Leipzig

Das Problem bei der Sache: Es handelt sich wirklich und in der Tat um ein Märchen. Nicht ein Wort der traumhaften Geschichte vom Außenseiter ist auch nur annähernd wahr. RB Leipzig ist kein Fußballverein, sondern ein reines Marketingprodukt. Ein Marketingprodukt, das den Fußball, wie wir ihn lieben, kaputt macht. Eine reine Gelddruckmaschine, die den Fan als Kunden sieht, jedes Paragraphen-Schlupfloch mit hämischem Grinsen ausnutzt und achselzuckend den Unschuldsengel spielt. »Wenn wir es nicht machen, macht es jemand anderes…«, hört man da gerne mal. Und: »Wir haben die Regeln nicht gemacht.«

Die Kohle muss stimmen

Nun ja, wozu das führt, wenn man den hohen Herren in den Manageretagen nicht so genau auf die Finger schaut, erleben wir ja inzwischen tagtäglich in der Diskussion um die Diesel-Fahrverbote. Moral und Anstand? Drauf geschissen, wenn die Kohle stimmt.

Andere haben doch auch Sponsoren

Und dann kommen die Dummen um die Ecke, die Kommerzopfer. Sie verschließen ihre Augen, solange sie sich im Erfolg anderer sonnen können und kommen mit lächerlichen Totschlagargumenten wie »andere Vereine haben auch Sponsoren«. Vor lauter Brause im Kopf verkennen sie dabei allerdings: Andere Vereine haben Sponsoren, weil sie über viele Jahre erfolgreich waren. Bei RB Leipzig ist der Fußballclub Mittel zum Zweck. Der Sponsor hat sich gedacht: Ich brauche eine möglichst breite Plattform, über die ich den Leuten das Geld aus der Tasche ziehen kann. Von vereinsähnlichen Strukturen ist bei RB Leipzig jedenfalls weit und breit keine Spur.

Am Nasenring durch die Arena

Leider lässt sich die verantwortliche DFL in dieser Hinsicht seit Jahren am Nasenring durch die Arena führen. Schließlich lockt da ja das große Geld.  Und so lange die große Instanz aus München die Füße still hält, besteht ja auch nicht wirklich Handlungsbedarf. Im Gegenteil: Die Herren Hoeneß und Rummenigge reiben sich wahrscheinlich seit Jahren die Hände, weil da endlich mal jemand genauso großkotzig daherkommt wie sie selbst.

Bei Würtchen und Brause

Wenn sich Uli Hoeneß und Dietrich Mateschitz dann beim Pokalfinale Ende Mai in Berlin also selbstzufrieden bei Würstchen und Brause die Hand schütteln, bleibt dem Otto Normalfußballfan im Grunde nur noch, sich mit Grauen abzuwenden. Dieses Millionen- und Milliardengeschachere hat mit dem ursprünglichen Fußball nichts mehr zu tun.

Die Hilfe des Schiedsrichters

Denn als hätte es noch eines Beweises bedurft, wie kaputt und krank, ja fast schon tot (nicht nur) der deutsche Fußball inzwischen ist, brauchte der Serienmeister und Rekordpokalsieger aus der bayerischen Landeshauptstadt im Halbfinale gegen Werder Bremen zum Finaleinzug die tatkräftige Unterstützung des Schiedsrichters. Nach dem Ausgleich der Hansestädter nahm Daniel Siebert die erste, kleinste, sich bietende Gelegenheit mehr als dankbar an und entschied zehn Minuten vor Schluss auf Elfmeter für den großen FC Bayern. Eine mehr als noble Geste, der das Traumfinale der Geldsäcke auf den VIP-Tribünen möglich machte.

Fehler eingeräumt – wie so oft zu spät

Da hilft es dann auch wenig, dass Dr. Jürgen Drees, VAR-Projektleiter beim DFB einen Tag später zu Wort meldet und einen Fehler des Schiedsrichters einräumt. Vielleicht hat sich der Herr Drees in den letzten Wochen auch einfach einmal zu oft melden müssen. Wenn Fehler geschehen – und die seien jedem Menschen zugestanden – erwartet man dann doch irgendwann auch eine Besserung. Bei der ewig selben Entschuldigungsleier möchte man dann schon gar nicht mehr hinhören.

Geld regiert die Welt

Nun kann man natürlich hingehen und sagen: »Was willst Du? Geld regiert nunmal die Welt und scheißt immer auf den größten Haufen.« Das ist im „normalen“ Leben nicht anders als beim Fußball. Wohin diese unendliche Gier jedoch führen kann, haben schon ganz andere Gelddruckmaschinerien gezeigt – und leidvoll erfahren müssen. Fragen Sie doch mal nach, bei den Platten- und den Filmbossen, die Mitte der 1980er Jahre das Sagen hatten. Superstars wie Michael Jackson, Madonna oder Queen füllten problemlos ganze Stadien und verkauften ihre Alben noch dazu in zweistelliger Millionenhöhe.

Gier führt ins Verderben

Und heute? Bekam ein Robbie Williams noch Anfang dieses Jahrtausends rund 127 Millionen Euro als Vorschuss für einen Plattenvertrag überwiesen, ächzen sowohl die Musik- als auch die Filmbranche seit vielen Jahren unter Umsatzverlusten. Und das genau aus einem Grund: Man hat den Hals nicht vollbekommen und sich einen Dreck um die Belange der Fans gekümmert. Man hat schlichtweg Entwicklungen verschlafen – und schaut deshalb heute neidisch auf neue Big-Player wie Spotify oder Netflix.

Den Fernseher einfach auslassen

Im Fußball wird es leider noch etwas dauern, ehe das Kartenhaus in sich zusammenbricht. Doch so paradox es klingen mag, das bevorstehende DFB-Pokalfinale zwischen Pest und Cholera könnte einen weiteren Beitrag dazu leisten. Dann nämlich, wenn einfach wirklich mal niemand mehr den Fernseher einschaltet und die Einschaltquoten im Keller bleiben. Dann nämlich, wenn das DFB-Pokalfinale  vielleicht das erste Mal seit vielen Jahren nicht ausverkauft sein wird. Einfach, weil es niemanden mehr interessiert, ob nun das Geld aus München oder das Geld aus dem Salzburger Flachgau am Ende den Pokal in den Berliner Abendhimmel stemmen wird.

Dröge Fußballkost und Helene Fischer

Die Geldsäcke werden es merken – früher oder später. Spätestens aber dann, wenn wieder über Helene Fischer nachgedacht wird, weil man zur drögen Fußballkost eine Abwechselung braucht. Und spätestens dann, wenn das Olympiastadion am Tag eines DFB-Pokalfinales so aussieht wie auf den Bild oben…

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The Disorder

Weltinteressierter, offenaugiger, nachtneugieriger Individualmensch in glücklicher Zweierbeziehung, der Musik und Fotos macht, Bücher schreibt und Filme filmt.

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