Politik national

Die Sache mit der Meinungsfreiheit

Der Handball-Punk

Es gab Zeiten, da war es ziemlich einfach, Stefan Kretzschmar zu mögen. Dieser Handball spielende Punk mit den bunten Haaren, den auffälligen Piercings und den vielen Tattoos war irgendwie anders. Er sagte offen seine Meinung, scheute die Kontroverse auch in der Öffentlichkeit nicht und war zudem auch sportlich noch ziemlich erfolgreich.

Das wilde Liebesleben mit der Schwimmerin

Erste Risse bekam sein Ansehen erst, als er sein Liebesleben mit Schwimmstar Franziska van Almsick derart öffentlich zur Schau stellte, dass man schon gar nicht mehr hinsehen wollte. Auf eine schwer zu beschreibende Weise wirkte das peinlich und aufgesetzt.

Heute vor allem TV-Experte

Doch offensichtlich hatte Kretzschmar spätestens mit der Trennung von van Almsick genug von einem allzu öffentlichen Privatleben. Und so sieht man den einstigen Punk seit ein paar Jahren deutlich unauffälliger im eigenen Aussehen im Grunde nur noch als TV-Experten in Sachen Handball auf den Bildschirmen der Republik.

Zurück in den Schlagzeilen

Nun kann man darüber spekulieren, ob dem 45-Jährigen dies nun wiederum zu wenig Aufmerksamkeit war. Jedenfalls meldete sich der gebürtige Leipziger im Vorfeld der gerade in Deutschland und Dänemark stattfindenden Handball-WM mit einem Paukenschlag in den Schlagzeilen zurück. Vor laufender Kamera spricht der ehemalige Spitzensportler von den Schwierigkeiten, sich jenseits einer gewissen Konsensmeinung zu äußern, ohne gleich Probleme mit dem eigenen Sponsor zu bekommen. Unbequeme Ansichten könne man als in der Öffentlichkeit stehender Mensch heute gar nicht mehr vertreten. Jedenfalls nicht, wenn man sich dem direkt unweigerlich anschließenden Shitstorm nicht gewachsen sehe.

Die guten alten Zeiten?

Fast klang es so, als würde Stefan Kretzschmar den eigenen Punk-Zeiten etwas hinterhertrauern. Das Ganze klang so ein wenig nach ostalgischer »Früher-war-alles-besser«-Melancholie und bis zu einem gewissen Punkt kann man ihm mit Sicherheit zustimmen.

Mangelnde Meinungsfreiheit

Dann jedoch tut Kretschmar etwas, wovor er sich im Grunde selbst warnt: Er äußert sich ohne nachzudenken. Von mangelnder Meinungsfreiheit spricht er. Davon, dass man zwar nicht gleich im Gefängnis lande, wenn man mal eine kontroverse Meinung vertritt, aber eben doch ziemlich schnell zumindest vor dem Pranger der sozialen Medien. Dummerweise schließt er daraus, dass es in Deutschland keine – wie er es nennt – »Meinungsfreiheit im eigentlichen Sinne« gäbe.

Die Mechanismen der Instrumentaltisierung

Und siehe da: Die Mechanismen funktionieren tatsächlich. Kaum mehr als einen Wimpernschlag dauert es, bis die AfD sich meldet und Kretschmar von den eigenen Wagen spannt. Der Mann habe Recht posaunen sie in den braunen Sumpf ihrer eigenen Anhängerschaft.

Nicht so gemeint

Kretzschmar selbst dürften die eigenem Aussagen spätestens in diesem Moment mehr als leid getan haben und natürlich kam auch prompt und fast reflexartig die Beteuerung, dass er das doch im Grunde alles ganz anders gemeint habe.

Plattform für den rechten Flügel

Geholfen hat das leider wenig – zumal auch die kranke Tageszeitung mit den vier Buchstaben prompt in die Diskussion mit einstieg und so manchen Damen und Herren vom rechten Flügel zusätzlich eine Plattform bot, sich über angeblich fehlende Meinungsfreiheit in unserem Land zu echauffieren.

Meinung kann auch an der Realität vorbeigehen

Natürlich kann man – wie über fast jedes Thema – unterschiedlicher Meinung sein. Und natürlich muss man als guter Demokrat den Leuten auch ihre Meinung lassen. An der Realität geht das jedoch vorbei.

Denkt doch, was ihr wollt

Man kann von Deutschland – egal, ob von links oder von rechts betrachtet – halten was man will, doch eines muss man hierzulande mit Sicherheit nicht: Um seine Freiheit oder gar seine körperliche Unversehrtheit fürchten, nur weil man seine Meinung sagt. Zumindest von staatlicher Seite steht hier nichts zu befürchten. Damit geht es uns in unserem Lande schon sehr viel besser als anderen Menschen in einer überwiegenden Mehrzahl anderer Staaten dieser Welt.

Irgendwas nicht verstanden

Wer hierzulande wegen fehlender Meinungsfreiheit rumheult, hat etwas Grundsätzliches nicht verstanden. Es gibt nämlich einen Unterschied zwischen Meinung und menschenverachtenden Äußerungen oder gar Hetze. Wer der Meinung ist, dass man Menschen nur aufgrund ihrer Herkunft verunglimpfen darf, der darf diese Meinung auch äußern. Würde man hierzulande deshalb gleich weggesperrt oder gar erschossen – das Problem der AfD hätte sich längst erledigt. Aber nein – man darf diese Meinung äußern. Was man jedoch nicht darf: Sich darüber wundern, dass es in unserem Land eine große Mehrheit gibt, die ihre Menschlichkeit noch nicht verloren hat und dies eben als Meinung ebenfalls kundtut. Wer seine braunen Ansichten unters Volk zu jubeln versucht, darf sich eben nicht wundern, wenn die gequirlte Scheiße auf Gegenwind trifft und der Dreck wieder im eigenen Gesicht landet.

Meinung und Gegenmeinung

Wer seine Meinung äußert muss damit rechnen, dass andere Menschen andere Meinungen vertreten. Der muss damit rechnen, dass es Diskussionen geben wird. Der muss auch damit rechnen, dass der eigene Weg mitunter steinig wird. Für gute Argumente haben sich in Diskussionen fast immer Mehrheiten gefunden – egal auf welcher Ebene und egal, wie lange es manchmal auch gedauert hat.

Man darf Vieles sagen

Wem jedoch als Totschlag-Argument schon zu Beginn jeder Diskussion oft nicht viel mehr einfällt als die leere Phrase »Das wird man ja wohl noch sagen dürfen«, der darf sich nicht wundern, wenn man seiner substanzlosen Argumentation nicht weiter folgt.

Meinung sagen ist wichtig

Unterschiedliche Meinungen gehören zu einer offenen politischen Diskussion. Und es waren ganz bestimmt nicht die Duckmäuser, die Angst um irgendwelche Sponsorenverträge hatten, die mit ihrer weichgespülten Meinung zu politischen oder gesellschaftlichen Veränderungen beigetragen haben. Im Gegenteil: Die größten Veränderungen sind immer und überall dort entstanden, wo der heftigste Gegenwind geherrscht hat. Sie sind dort entstanden, wo jemand seine Meinung auch dann laut ausgesprochen hat, wenn es gefährlich für die eigene Gesundheit wurde.

Seien wir auf der Hut

Seien wir also froh, dass die eigene Unversehrtheit hierzulande nicht gefährdet ist, nur weil man mal den Mund aufmacht. Und seien wir vor allem realistisch und auf der Hut – in Gefahr ist unsere Meinungsfreiheit vor allem dann, wenn hierzulande genau die an die Macht kommen, die über das Fehlen der Freiheit im Moment am lautesten heulen.

Foto: Von Sven Mandel – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=50418570

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The Disorder

Weltinteressierter, offenaugiger, nachtneugieriger Individualmensch in glücklicher Zweierbeziehung, der Musik und Fotos macht, Bücher schreibt und Filme filmt.

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